„Raus“ „Abe…“ „Raus!“

Hiermit gebe ich offiziell bekannt: Ich bin der Drachen der Aufsicht. Dieser Beitrag entsteht während der Mittagspausenaufsicht. Ungeliebt, aber ungefähr 100 Mal besser als die Frühaufsicht. Oder 1000 Mal. Frühes Aufstehen und dann im Dunkeln hocken, während die müden Gesichter langsam reintrudeln, während ich noch geistig im Lummerland tappe, ist deutlich ätzender, als in der Mittagspause am Treppenrand zu sitzen und mit dem Zeigefinger den Weg nach draußen zu zeigen.

Ist ja nicht so, dass wir das erst gestern eingeführt hätten. Ne, das läuft schon länger so, aber ach, man kann es ja mal ausprobieren. „Darf ich nicht zum Klo/ in den Ruheraum/ in die Chillzone/ zu meinem Portemonaie/ zu meinem Freund/ zu meiner Lehrerin/ mein Geld wegbringen/ mein Geld holen?“ „Nein. Du hattest 25 Minuten Zeit dafür, jetzt ist Draußenpause angesagt.“ Wie die Vampire, ey. Kein Licht, kein Sauerstoff, kein Deo.

Und ich? Ich sitze hier wie Frau Malzahn, weit davon entfernt, ein „goldener Drache der Weisheit“ zu werden. Stattdessen: Tagträume von geräuscharmen Orten mit funktionierenden Kopierern und knackigen Absprachen. Sagt einem ja auch keiner während des Studiums: „Sehr geehrte Studierende! In der Schule erwartet sie ein Umfeld, dass in nächster Verwandtschaft zum Turbinen-Prüfzentrum eines namhaften Flugzeugherstellers steht. Wenn Sie bei lautem Gebrüll/Krach/Gefurze nicht so sehr schnell denken und auf alle pädagogischen Eventualitäten reagieren können, überdenken Sie Ihre Berufswahl. Schnell!!“

 

Diese Rotzlöffel!

Da mache ich und tue ich und beantworte jede noch so beknackte Frage, weil ich mir denke, dass eine laut gestellte Frage immer noch besser als unwissendes Schweigen ist, und wie dankt die Bande mir das? Mit einem Benehmen, das wirklich wenig Erziehung und Anstand bezeugt.

So.

Ich will jetzt auch endlich mal wie die Lehrkräfte der vergangenen zweieinhalbtausend Jahre über die „Jugend von heute“ sprechen. Mangels eigener Kinder brauche ich auch nicht das Mantra vorbeten „Es ist nur eine Phase, es ist nur eine Phase“. Ich geb‘ die am Ende eines Schultages wieder ab. Den ein oder anderem habe ich dann etwas in sein Heft geschrieben, bei wiederholtem Vorkommen auch in die Schülerakte.

Allein: Es nützt nichts.

Ich mag diese Klasse wirklich gerne und bin damit meistens allein auf weiter Flur. Im Lehrerzimmer ist sie gerne Thema und wie wir von den Absatzzahlen der Klatschpresse wissen, sind es nicht die braven, unschuldigen Themen, die die Verkaufszahlen nach oben schnellen lassen.

Äh, wo war ich? Ach, die Klasse. Wir kennen uns jetzt aber schon das vierte Schuljahr und haben auch einiges schon durchgestanden. In den allermeisten Fällen können wir uns aufeinander verlassen, aber im Moment möchte ich sie alle gerne… Unkraut zupfen, Heu stapeln, Straßen pflastern, Akten sortieren, im Schraubenlager Inventur machen oder Kindergeburstage als Animateure durchstehen lassen. Also auf jeden Fall etwas, wo sie sich wirklich anstrengen müssen. Vielleicht hülfe das, die Chancen, die in wirklich vielseitigen Lernsettings stecken, anzunehmen. Oder zumindest in der Phase der Präsentation der Gruppenarbeitsergebnisse nicht anzufangen, sich im Mastubieren zu üben (angezogen, so schlimm isses noch nicht) oder andere Unflätigkeiten von sich zu geben. Ein bisschen mehr Respekt gegenseitig und gerade der Klassengemeinschaft gegenüber.

Man, war ich genervt. Ich habe direkt die Gruppenarbeit abgebrochen und ihnen einen Einzel-Schreibauftrag gegeben. Und eine Moralpredigt. Moralpredigten kann ich ziemlich gut, sogar mit eingeschobenen Nebensätzen während des Monologs und ja, ich merke sogar, wie sich dabei meine Brille senkt und die Augenbraue hochgeht.

Das ich sie aber heute nicht gegrüßt habe, als sie von mir Nachhilfe in der Artenbestimmung von Nutzpflanzen haben wollten, das hat sie dann doch geprellt.

Leute, ihr nervt mich. Aber ich geb‘ euch nicht auf. Der nächste Text kommt und an dem werden wir beispielhaft Probleme erörtern und Lösungen erarbeiten. SO.LANGE.BIS.IHR.ETWAS.MEHR.RESPEKT.ZEIGT!

So ein schönes Wochenende!

Am Freitag nutzte ich die Gelegenheit und das schöne Wetter und ging mit der Hündin ins Grüne. Dabei kam ich in eine Gegend Ostfrieslands in der ich bewusst noch nie gewesen bin. Ja, das geht. Ich fuhr durch ein Dorf, in dem dieser hübsche Kindergarten beheimatet ist:

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Dann stellte ich fest, dass das Dorf eine Sackgasse ist und die gut geteerte Straße nur von landwirtschaftlichen Fahrzeugen befahren werden sollte. Naja, ich komme ja irgendwie aus der Landwirtschaft und fahre das Auto. Das sollte als Minimaldefinition reichen. Ich fuhr also auf der gut geteerten Strecke weiter und fühlte mich wie ein Hase im Feld: Um jeden Acker fuhr ich hakenschlagender Weise drumherum, bis ich mir ganz sicher war, mitten in Ostfriesland verschollen zu sein. In der Ferne konnte ich aber noch die Marker der größeren Städte Emden, Aurich und Leer sehen:

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Dem Tier und mir gefiel es ausnehmend gut, also spazierten wir ein bisschen in der Vergangenheit herum:

Später war Familienzeit angesagt, es gab Gegrilltes bei den Eltern. Die Hündin findet es dort super, fliegen die Würstchen doch gelegentlich tief.

Am Samstag fuhren wir ans Wasser. Wasser ist nahezu immer gut und so war es auch dieses Mal. Der Lieblingsinsulaner und ich besorgten uns Fischbrötchen und guckten dann den Segelkindern bei Halsung und Wende zu. Alles unter scharfer Beobachtung des Lieblingsviehs, Krabben sind schließlich fast genauso gut wie Bratwürstchen:

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Später am Tag wurde das Wetter noch besser und als wir an der Milchstation Milch holten (ehrlich, sowas ist toll. Der Bauernhof hat eine Milchtankstelle, in der man 24/7 frische Milch für einen Liter in Glasflaschen abzapfen kann. Schmeckt den Erzeugern und uns besser als die Diskountermilch) und danach noch ne Runde übers Feld drehten, war alles schön:

Und nach einem entspannten Vormittag mit ein bisschen Korrektur von Schularbeiten sind wir noch auf ein Turnier gefahren, obwohl Dressurreiten für den Mann noch vor Synchronschwimmen in seiner Liste der unschaubaren Sportarten rangiert. Na gut, gucken wir eben Springen. Hilfe, würde mir das Herz in die Hose rutschen, wenn ich das mit einem Pferd machen sollte. So ein süßer E-Pacours geht ja noch, aber M**? Oder gar S*?

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Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, lädt der Rechner noch Fotos in die Dropbox, die gleich an den befreundeten Mediengestalter gehen, weil ich Auskünfte über die Nutzbarkeit als XXL-Panorama brauche.

Ja, und dann ist das schöne Wochenende wieder vorbei. Aber der morgige Montag ist auch toll. Aus einem ganz speziellen Grund. Den schreibe ich morgen!

Komm’t good in’t neie Week un blievt gesund un munter!

Freitagsfüller

Hach, so ein Blog gibt ja Möglichkeiten ohne Ende. Nachdem ich diesen Monat die Aktion „12 von 12“ wegen akuter Fotounlust ausfallen lassen habe, gibt es stattdessen den Freitagsfüller von Barbara:

1. Bei diesem Wetter  habe ich Lust, die Kamera auszupacken, den Hund zu schnappen und Fotos zu machen.

2. Der Gedanke an den vollen Schreibtisch verursacht mir Unbehagen.

3. Ich habe gehört, dass das Pferd einer guten Bekannten sehr erkrankt ist, das ist sehr schade.

4.  Ohropax gegen Mückenlärm und Fliegengitter gegen Mückenstiche.

5. Eiskalte  Sachen mögen meine Zähne nicht so gerne, gekühlten Obstsalat gibt’s heute trotzdem .

6.  Die Klassenfahrtswoche und das leere Lehrerzimmer sind schon wieder vorbei.

7.  Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf ein nettes Telefonat, morgen habe ich eine Fahrt an den Deich geplant und Sonntag möchte ich bei einem Turnier zusehen!

Ach, Dativ, jaja

Meine Sprachlernklasse macht mir ja sehr viel Freude. Es wird viel gelacht und erzählt, die Anweisungen und Informationen fliegen in vielerlei Sprachen durch den Raum und mit großer Emsigkeit werden die Arbeitsaufträge bearbeitet. Gut, nicht immer so, wie ich mir das inhaltlich vorgestellt habe, aber es passiert etwas. Die Ergebnisse sind sehenswert und ich erlebe gerne, was sonst noch so aus dem Material zu fertigen ist. Das zeigt mir täglich, dass ich nicht die Deutungshoheit über den Lernweg habe, was ’ne gute Sache ist. Heute hat mich ein Geschwisterpaar überrascht, als wir Wortarten übten, und das kam so:

Damit nicht nur der mündliche Spracherwerb voranschreitet, müssen meine Herzis ziemlich zügig auch die korrekte Schreibung lernen. Weil sie nicht mehr ganz junge Lernende sind, werden grammatikalische Strukturen wichtiger für den Schriftspracherwerb. Bevor ich anfing, Sprachlernende zu unterrichten, habe ich mir ziemlich wenig Gedanken über Umgangs- und Bildungssprache oder den Unterschied von konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit gemacht. Seit ich aber „Deutsch als Zweitsprache“ unterrichte, befinde ich mich im permanenten Selbststudium. Gut, Auftrag angenommen.

Substantive klappen ziemlich gut, die Marker können alle im Schlaf herbeten:  „Hat Artikel, erste Buchstabe groß, kann sehe, kann anfasse, kann habe.“ Jeweils mit den passenden Gesten; Auf die Augen zeigen, mit der Hand in die Luft greifen oder auf den Bauch klopfen.

„Ja, richtig. Substantive erkennt man daran, dass man sie sehen, anfassen oder haben kann. Wer weiß Beispiele? Mit Artikel?“

„Das…äh, der Baum. Kann ich sehe un‘ anfasse.“

„Gut. Und wer weiß ein Beispiel mit ‚haben‘?“

„Ich habe Hunger. Nicht sehe und nicht anfasse, aber habe.“ (Mittags um halb eins sehr verständlich!)

Die Marker für Verben (Kann ich machen, kann ich konjugieren/ Geste: Auf sich selbst zeigen und Anpassprobe: schwimmen -> „Ich schwimme.“) und Adjektive (Ich frage: Wie?/ Geste: Ein großes Fragezeichen in die Luft malen) sind noch nicht so gut angekommen.

„Was ist das für eine Wortart?“

„Verb!“

„Richtig. Warum?“

„Hat kleine Buchstaben, hat keine Artikel, kann nicht habe und sehe und anfasse.“

Na gut, das philosophisch-psychologische Konstrukt der Negation beherrschen sie.

Die etwas Fortgeschritteneren sollten dann aus einer Reihe Wörter erste Aussagesätze formulieren. Ich habe vorher an der Tafel Beispiele vorgestellt, die die Reihenfolge Substantiv-Verb-Adjektiv hatten (Der Baum ist groß). Bei diesen Sätzen sind die Verben schnell langweilig, es beschränkt sich auf „sein“. Natürlich schließt sich da gleich die nächste Baustelle an, denn man muss sich am Substantiv orientieren, ob Singular oder Plural richtig ist. Mein Geschwisterpärchen hatte nun genug des „Sein oder nicht seins“ und fing mit anderen Verben an. Die wurden dann direkt mit Lokaladverbien versehen: „Ich schwimme in das Schwimmbad.“

Oha.

Während mein Gehirn gar nicht hinterher kam, zu überlegen, wie ich ihnen denn nun gewinnbringend den Unterschied von Wortarten und Satzgliedern erklären kann, geschweige denn, wie das nochmal mit dem Dativ-Artikel für sie machbar wird, war mein Mund wieder schneller: „Gute Idee, aber der Artikel vor Schwimmbad ist falsch. Da muss ein „dem“ hin, das ist ein Dativ.“

Reaktion? „Ah, Dativ, jaja!“, radiert den falschen Artikel aus, schreibt den richtigen rein und strahlt mich an.

„Woher kennst du denn den Dativ?“

„Ich lerne mit Papa, jede Tag.“ Und dann zeigten sie mir einen ganzen Block voller Tabellen und Übungssätze, penibel aufgeschrieben und farblich makiert. Toll. Sie können erst ungefähr 83 Wörter Deutsch, aber „Dativ“, das sitzt.

 

„‚N Blog? Echt jetzt?“

So in etwa war die Reaktion, als ich vor einigen Jahren, es mögen schon an die sechs oder sieben sein, einer damals bloggenden Kommilitonin von meiner Idee berichtete.

„Da brauchste aber schon’n Thema. So einfach ist das nicht. Wenn du nicht weißt, wasse willst, dann lasses.“

Und was soll ich Dummerchen sagen? Das habe ich jahrelang erstmal so geglaubt. Zwar las ich zwischenzeitlich einen Haufen kleinerer und größerer Blogs, die scheinbar ziellos durch das WWW geisterten, manchmal interessant, oft sehr zielgruppenorientiert und hin und wieder auch für mich sehr langweilig waren, aber an dem Grundgedanken, dass ich das ja besser mal bleiben lassen sollte, hat sich ewig nichts geändert.

Diesen Sommer, wir wissen und sehen es hier live, hat sich das nun geändert. Wie und warum sich dieser rostige Nagel aus meinem Hirn gepellt hat, weiß ich nicht mehr, aber jetzt isser da, mein wunderschöner Blog!

Ich finde es ganz spannend, zu beobachten, wie sich dadurch meine Sprache verändert. Plötzlich denke ich vielmehr über unterschiedliche Satzanfänge und Füllwörter nach, probiere unterschiedliche Modi und Tempora aus und gucke mit einer Brille in die Welt, ob es da etwas gibt, über das ich schreiben möchte. Das macht Spaß!

Alteingesessene Blogger*innen mögen jetzt sagen: „Geschenkt! Been there, done that, bought the T-Shirt.“, aber für mich isses neu und aufregend. In meinem privaten Umfeld habe ich erst ganz ausgesuchten Personen von diesem Internetauftritt erzählt. Hin und wieder spült es jetzt Menschen von woanders hierher und ich freue mich wirklich über jede und jeden Einzelnen sehr!

…das wollte ich doch mal loswerden, bevor ich das nächste Mal ziellos etwas aus meinem Leben schreibe.

Holt jo munter un blied!*

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*Haltet euch gesund und fröhlich!

Endlich wieder „Eau de Cheval“

Nach der Sommerpause habe ich gestern den Reitunterricht wieder aufgenommen und was soll ich sagen? Es war wunderbar! Seit gut eineinhalb Jahren reite ich in dem Betrieb und es ist der erste, wo ich endlich genau den Unterricht bekomme, den ich mir schon immer wünsche.

Die Arbeit und die Fernehe haben in den letzten Jahren das Halten eines eigenen Pferdes deutlich schwer gemacht und als mich letztes Jahr meine alte Stute Richtung Pferdehimmel verlassen musste, war klar, dass es erstmal und in der bisherigen Form kein neues Pferd gibt.

2014-10-28 10.58.04

Mein kleines Trampeltier war eine sehr treue Seele und ich bin froh, dass wir uns so lange hatten. Aber sie war eher ein Arbeits- als ein Reitpferd und da ich nicht völlig verspannen wollte, musste eine Alternative zum Schreibtischsitzen her.

In dem Betrieb, in dem ich jetzt reite, gibt es tolle Schulpferde, die regelmäßig Korrektur geritten werden und um die sich die ganze Belegschaft sehr gut kümmert. Die Schulpferde haben eine qualitativ hochwertige Ausstattung, genau wie die Privatpferde, und erhalten die gleichen Behandlungen von Tierärzten, Ostheopathinnen und dergleichen. Wenn ein Schulpferd mal ein Zipperlein hat, gibt es eine Pause. Wenn ein Pferd für den Schulbetrieb nicht mehr gut geeignet ist, dann wird es solange behalten, bis ein gutes Zuhause gefunden ist. Meine ausgebildete Reitlehrerin arbeitet dort Vollzeit und ich gönne mir den Luxus von Einzelreitstunden bei ihr. Dann bekomme ich ein Headset auf und sie nimmt sich die ganze lange Bande Zeit, meine Schultern und und Hüften genau zu beobachten und zu kommentieren („Linke Schulter fallenlassen. Schieb deine innere Hüfte nach vorne…“). Weil ich wegen des Headsets nicht immer mit einem Ohr Richtung Reitlehrerin horchen muss und dabei Schultern und Becken wieder verdrehen würde, habe ich im vergangenen Jahr wirklich Fortschritte in Sitz und Haltung machen können. Die Reitlehrerin kommentiert alles ruhig und sachlich und erklärt genau, wieso und weshalb ich jetzt bitte dieses oder jenes tun oder lassen sollte. Da ist nix mehr mit früherem Kasernenton oder stupiden Befehlen ohne Hintergrundwissen. „Brust raus, Bauch rein, Hacken runter!“, war früher. Jetzt ist: „Du musst das Pferd am äußeren Zügel führen. Die innere Hand spielt aus dem Handgelenk heraus und fordert die Stellung. Zu viel Stellung ist nicht gut, dann verspannt dein Pferd. Darum bietest du mit der äußeren Hand einen Rahmen. Wenn sich die Halsmuskulatur richtig raushebt und du das innere Auge schimmern sehen kannst, hast du genug Stellung. Denk dran: Du musst das Pferd von hinten nach vorne arbeiten. Du kannst vorne nichts verlangen, was du hinten nicht vorbereitet hast. Erst hinten aktivieren, dann vorne begrenzen.

Also, zugehört habe ich. Der Sinn erschließt sich mir auch. Nur meine Koordination ist oft noch weit von Umsetzung entfernt.

Das Schulpferd, dass ich dort reite, ist super. Er ist gut ausgebildet und geduldig mit all den Fehlern, die ich so mache. Wenn ich aber etwas richtig hinbekomme, ist er sofort da und belohnt mich mit schönen Schritten, die ich gut sitzen kann. Wenn wir beide mal im Flow sind, bringt mich das die ganze restliche Woche zum Strahlen. Das ist manchmal schon der eine schöne Zirkel, der mir willentlich und nicht zufällig geglückt ist. Wenn nicht, dann ist es aber auch nicht schlimm, denn das Reiten bringt mich voll und ganz weg von der Arbeit und direkt in das „Hier und Jetzt“.

Meine Reitlehrerin hätte ich gerne schon zwanzig Jahre früher kennengelernt, aber da haben wir beide noch die Schulbank gedrückt. Jetzt ist dieser Betrieb für mich eine echt tolle Gelegenheit, richtig Reiten zu lernen. Mein Ziel ist es, dass ich ein Pferd so gut gymnastizieren kann, dass es mich lange und ohne Schmerzen tragen kann. Denn irgendwann möchte ich schon ganz gerne wieder ein eigenes Pferd haben. Lieber in näherer als in ferner Zukunft. Bis dahin heißt es aber ab jetzt wieder regelmäßig: „Atmen nicht vergessen! Du kannst nur locker sitzen, wenn du locker bist! Die positive Grundspannung ist keine Verspannung!“

Gammelige Kartoffeln

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Ich war noch ziemlich klein, also jung, klein war ich vermutlich nie, zumindest wenn man die Jahrgangskohorte als Maßstab nimmt, als ich meine Mutter fragte, was ich im Leben tun müsse, um a) nicht in der Landwirtschaft und b) nicht ohne Putzhilfe leben zu müssen. Zu a) sei gesagt: Hat geklappt. In all den Jahren habe ich mich hartnäckig geweigert, melken zu lernen. Was man kann, das muss man. Diese moralische Größe hat in landwirtschaftlichen Betrieben einen absolut praktischen Nennwert. Treckerfahren kann ich btw auch nicht. Reiten geht. Mit Tieren fast jeglicher Couleur umgehen, geht auch (wobei das exponentiell mit der Anzahl der Beine eines Lebewesens abnimmt). Schlachten haben mir meine Eltern auch früh beigebracht und weil ich das im Notfall immer noch könnte, esse ich auch Fleisch. Wobei ich jetzt gar keine Diskussion über Ernährung lostreten will, aber für mich ist das wichtig. Die landwirtschaftlichen Betriebe in meiner Familie sind mir wichtig und ich bin froh, dass sie ihre Arbeit mit soviel Herzblut machen, wie sie es tun. Aber für mich war das nix.

Zu b) muss ich sagen, dass ich erst mit meinem 30. Geburtstag in den Genuss einer Spülmaschine gekommen bin. Ich habe aber im Studium gelernt, ganz hervorragend mit wenig Geschirr auszukommen und wie fragte der Bruder des kürzlich verheirateten Mitbewohners von damals: „Man kann auch unter dem Bett saugen?“

Vor einem knappen Jahrzehnt lernte ich den Lieblingsinsulaner kennen. Dass er der großzügigste und netteste und humorvollste Mann ist, denn ich je getroffen habe, habe ich vielleicht noch nicht gesagt. Ist aber so. Außerdem sieht er gut aus. Und schlau ist er auch. Dazu noch sehr demokratisch, und, weil mir das ein besonderes Bedürfnis ist, spricht er von beiden Geschlechtern: Alleinerziehende Mütter und Väter, Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, Idioten und Idiotinnen undsoweiterundsofort. Was ich aber in besonderer Weise an ihm, wahrscheinlich auch aufgrund von Seltenheitswert, schätze, sind seine Haushaltsfähigkeiten. Die sind mir jetzt nicht so gegeben. Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, anerzogenes Geschlechterbild und so, aber inzwischen genieße ich die Freiheit und die Lebensqualität, die wir bekamen, als wir Geschlechterrollenerwartungen über Bord geworfen haben. Mittlerweile kommen wir beide ganz gut damit zurecht, dass er die gammeligen Kartoffeln in der Speisekammer findet und ich weiß, welches Öl in den Motor gehört. Ich baue auch besser Ikea-Möbel auf, während er nicht nur schneller sondern auch gründlicher bügeln kann. Und weil wir auf bestimmte Haushaltssachen einfach beide wirklich gar keine Lust haben, kommt alle zwei Wochen eine Haushaltshilfe zu uns, die die verrücktesten Dinge macht. Türblätter abwischen, Regale entstauben, Heizkörper mit dem Dampfgerät reinigen. Toll.

An dieser Stelle noch ein kurzes Plädoyer für einen guten Service: Unsere Haushaltshilfe ist bei einem festen Arbeitgeber beschäftigt, der ihr deutlich mehr als Mindestlohn bezahlt. Die Hilfe hat geregelten Urlaub und bekommt Putzzeug und Verbrauchsmaterialien gestellt. Dazu bekommt sie Schulungen für den sachgerechten Umgang mit Untergründen und Oberflächen und wäre bei einem Unfall versichert. Außerdem mag sie unsere Hündin.

Was also mit einer etwas merkwürdigen Überschrift begann, ist eigentlich nichts anderes als eine Liebeserklärung. Denn obwohl der Mann mich kennt und wusste, worauf er sich einlässt, hat er mich geheiratet. ♥