Über die korrekte Gardinenlänge

Unlängst waren wir unterwegs Richtung Berlin. Das ist aus der Mitte der Provinz am Rande der Republik jetzt kein so chilliges Unterfangen wie aus, sagen wir, Hamburg-Altona oder Hamm, von wo aus tatsächlich ein ICE bis Berlin durchfährt.

Wir standen also sehr früh auf. Ich bin morgens ja über jede Minute froh, die ich länger liegen und „umpf“-en kann. Ja, ich gehöre auch zu den Selbstbetrügerinnen mit Snooze-Funktion bis zum vollständigen Genervtsein aller Synapsen ob des wiederholten, widerwärtigen Geräuschs. Leider hatte ich vergessen, die Warmwasseraufbereitung zu instruieren, gefälligst mitten in der Nacht Duschwasser bereitzustellen. Der arme Mann musste dann sehr, äh, erfrischend duschen. Ich habe bis zur letzten Minute gewartet und dann mein Haupt unter einen wohligwarmen Strahl gehalten.

Jetzt aber auf nach Berlin (Hier bitte sinnlosen Fußballschlachtruf dazudenken). Zunächst einmal zum Bushaltehäuschen. Da standen wir und warteten auf den Überlandbus, der Mann rauchend, ich Halt und Schlaf an der Rückwand suchend. Überrascht wurden wir von einer Frau dunkleren Hauttyps und knallbuntem Koffer. Eine Erscheinung wie aus Rios Karneval. Als regelmäßige Konsumentin des Trash-TV stiegen mir sofort Assoziationen zum Allitarations-TV auf. „Die bunte Brasilianerin Barbara und der scheue Schweinezüchter Schwenni haben nach einem langen Gespräch die Reißleine gezogen. Betrübt begibt sich die bunte Brasilianerin Barbara zum beschaulichen Bushaltehäuschen.“

Irgendwann kam der Bus und wir stiegen ein. Weil eine wichtige Straße (ganz ehrlich, wo es so wenige Straßen gibt, ist eigentlich jede wichtig) zur Zeit umgebaut wird, musste der Busfahrer eine Umgehung nehmen. Der Asphalt verlangte nach ungefähr 30 km/h, aber der Busfahrer, im früheren Leben bestimmt Legionär einer Söldnertruppe, drosch die müde Kiste im Allrad-Panzer-Stil über die Schlaglöcher. Ja, danke. Ich bin wach. Echt jetzt. Mit Augen auf und so.

Auf diesem Weg durch das ländliche Ostfriesland; und wirklich nur und ausnahmslos Stadtpflanzen kennen die Unterschiede zwischen Land-Dorf-Stadt in Provinzen nicht, es gibt da diffizile Unterscheidungsmerkmale; fing ich dann irgendwann meine gute Laune wieder ein. Wir rumpelten durch die Gegend und verschiedene Bemerknisse fielen mir auf. So scheint es eine fest definierte Länge für Gardinen zu geben. Große Fenster, aber auf gar keinen Fall bodentief, werden mit Polyester- und Lochstickerei großzügig verhängt. Möglichst weiß und in einer Art überlappender Halbkreise. Damit aber die Fensterbankpflanzen ihr Licht bekommen, ist die maximale Tiefe der Gardine die obere Wachstumsgrenze einer handelsüblichen Begonie in einem Tontopf aus den späten Siebzigern. Frivole Fenstergestaltungen haben auch Orchideen in unterschiedlichen Rosé-Tönen zur Schau gestellt, aber da wird es schon schwierig mit der eigentlich idealen Gardinenlänge. Begonien. Gelb, rot, vielleicht noch abgestuft mit weiß. Das passt auch zum roten Klinker viel besser als „heel moi pink Blömen“. Es ist nicht der DeLorean, der einen in die Vergangenheit bringt!

Auf dem Weg zum nächsten Bahnhof passierten wir auch den Schuppen der „Freunde histo. Verbrennungsmotoren“. Das Schild war eine lackierte Kiefernlatte mit so einer Lötkolben-Brennerei in schönster vereinfachter Ausgangsschrift. Na, da freut sich mein Lehrerinnenherz.

Außerdem sahen wir viele Weiden mit Schwarzbunten. Es ist echt schön, wenn die Kühe draußen liegen und wiederkäuen.

Am Bahnhof angekommen, stand uns eine Gruppe Männer gegenüber, die in ihrem Großraumdiskotheken-Outfit über den letzten Besuch im Puff fachsimpelte. Derweil versuchten zwei junge Männer für sich und ihren Vater einen Fahrschein zu besorgen. Der Vater thronte, ganz der Patriarch, der er seit dem Tod seines Vaters wahrscheinlich ist, unterdessen auf den Koffern und schickte seine Söhne nach erfolgreichem Ticketkauf noch einen Kaffee organisieren. Die „Sicherheitsmaßnahmen“, also drei Herren in Bahnhofsmissionsuniform, versuchten zu helfen, allein die Sprachbarriere sorgte für kleine Stolpereien. „Koffje?“ „Ja, Kaffee. Wo ist gut?“ „De dor ist an’t besten.“ „Teuer?“ „Joar, de is düür. De dor ut Automat is günstiger. Nehmen’s de man.“ „Kaffee da?“ „Jo.“ „Viele Dank.“ „All kloar.“

Der Zug fuhr ein und auf dem Weg zu unseren Plätzen zerstreute sich das Setting. Der Start in den Tag hätte wahrlich schlechter sein können.

3 Gedanken zu “Über die korrekte Gardinenlänge

  1. blogbellona 16. September 2016 / 11:51

    Das ist wirklich schön geschrieben, und auch wenn ich mich frage, wieso ihr nicht einfach Auto fahrt, bin ich doch froh, sonst hätte ich das ja nicht lesen können! 😉

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    • Postfriesin 16. September 2016 / 15:00

      Danke für dad Kompliment!
      Tja, zum women fährt der Mann kein Auto, zum anderen befürchtete ich, in Berlin mit meinen Fahrkünsten den Verkehr lahmzulegen. Komplett. 🙂

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      • blogbellona 20. September 2016 / 10:03

        mit navi geht alles, finde ich. aber ich bin auch auto- und stadterprobt. 🙂

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