„Acht Papier???“

Die Sprachlernklasse hat mächtig Zuwachs bekommen. Einige treue Gefährtinnen sind noch aus dem letzten Schuljahr dabei, aber eben auch viele neue Gesichter. Damit ich nicht einfach wild drauflos unterrichte und haarscharf an den Bedürfnissen vorbei, habe ich gestern einen kleinen Einstufungstest schreiben lassen. Das ist jetzt nicht so wie eine schriftliche Abi-Prüfung oder anderer akademischer Schnickschnack, das ist eher Wildwuchs. Auch das werden wir in den nächsten Monaten üben.

Der Test entstammt der Hamburger Initiative Karolinenviertel e.V. (pdf), die auch das Lehrwerk „Hamburger ABC“ entwickelt haben. Ich finde das toll, weil es sich auf ein ganz einfaches Layout beschränkt und immer eine Sache trainiert wird. Gerade für den Anfangsunterricht ist das ’ne schöne Sache.

Gestern also. Wir wissen ja noch aus der Erfahrung mit dem Stundenplan, dass kleine Dinge lange dauern können und darum habe ich einen Donnerstag gewählt. Da bin ich nämlich vier Stunden in meiner Klasse und wir haben alle Zeit der Welt, dieses merkwürdige Ding, diesen Test, zu beschnuppern. Nach dem Morgengebrüll habe ich ihnen erst einmal alle kopierten Seiten aus der Entfernung gezeigt. Es hagelte die erste Entrüstung: „Acht Papier?“ „Ja, der Test besteht aus acht Seiten. Wenn du alle acht Seiten schaffst, ist das gut. Wenn du das nicht schaffst, ist das auch gut.“

Skepsis.

Dann die erste Warmmachrunde, einmal das Alphabet aufsagen, hopphopp. Das  „Q“ [kju] und diese verflixten Umlaute „U“, „Ä“, „Ö“ und „Ü“ [ü], [ü], [ü] und [ü] sind wirklich schwierig. Aber sie kriegen es hin. Gemeinsam schreiben wir das Alphabet in Groß- und Kleinbuchstaben an die Tafel, bevor ich, unmodern wie ich bin, einzelne Schülerinnen und Schüler nach vorne neben die Tafel treten lasse und sie von dort laut das Alphabet in die Klasse hinein aufsagen sollen. Die Stimmung ist gut, der Eifer geweckt. Alle gucken auf die Tafel und hören der Sprecherin zu. Beim ersten Fehler ist Schluss, da sind wir ganz streng. Wir lachen sehr viel, es ist ja alles so kompliziert. Dann aber schafft es mein scheues Reh. Sie kam vor ein paar Monaten gemeinsam mit einem Geschwisterkind, sehr zurückhaltend und schweigsam. Höchstens ein kleines Lächeln mit geschlossenem Mund. Aber jetzt! Fehlerfrei und mit der richtigen Betonung sagt sie das Alphabet auf und denkt auch an Umlaute und das „ß“. Die Klasse johlt und klatscht, sie strahlt über das ganze Gesicht. Was haben wir es gut, dass wir uns haben!

Weiter geht’s, wir sind gerade so gut im Fluss. Ich halte Bildkärtchen hoch und nach Meldung („Erst melde, dann spreche, richtig?“ „Ja, und macht das auch mal wirklich. Und nicht immer: Melden und hundert Mal „Frau Ostfriesin, Frau Ostfriesin, Frau Ostfriesin“ sagen!“ Gelächter, Einverständnis) werden die Substantive genannt. MIT bestimmten Artikel im Nominativ. Da sind wir genau. Das klappt so gut, dass wir im Anschluss einige der Substantive aufschreiben, zunächst Schulinventar. Ich halte Beispielgegenstände hoch und wir suchen die passenden Adjektive dazu. Vom Wort zum Satz. So schaffen wir erste Aussagesätze an die Tafel. Die dann abgeschrieben werden. „Oh naaain, Frau Ostfriesin. So viel!!!“ „Du schaffst das schon! Denk dran, Substantive schreibt man groß. Woran erkennst du ein Substantiv?“ „Kann’isch sehe. Anfasse. Artikel.“ „Richtig!“

Steckbrief-Informationen haben wir im Laufe der Woche schon zusammengetragen, das sitzt. Jetzt geht’s um richtiges Lesen. Anna, Otto und andere Protagonisten machen Dinge. Otto fährt zum Beispiel mit dem Fahrrad. Diesen Satz muss man unter die Frage „Womit fährt Otto?“ schreiben. Ein Klacks. Hab‘ ich mal wieder nicht aufgepasst. Das können sie doch schon lange.

Es folgt ein Ankreuzbogen zu einem kleinen Text über Anton Müller in der Badewanne. Ankreuzen ist ja so eine Kompetenz für sich. In der ersten Zeile steht „Ja“ oder „Nein“ und genau das wird dann auch in die jeweiligen Kästchen reingeschrieben. Nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Den Feinschliff üben wir später.

Bei den nächsten Schritten wird es dann schon etwas kniffeliger. Gefordert werden ganze Sätze auf Fragen, die eine „Ja“- oder „Nein“-Antwort mit Begründung verlangen. Jetzt zeigt sich, wer Durchhaltevermögen und Übung aus den Ferien hat. Weil es bis hierhin aber so gut gelaufen ist, werden jetzt auch kleinere Schwierigkeiten hingenommen.

Und -zack- , wer hätte es gedacht, sind die acht Seiten verarbeitet, der Tag ist rum und es bleibt nur eine Frage: „Wann Test zurück?“

2 Gedanken zu “„Acht Papier???“

  1. Ute Lüdemann 13. August 2016 / 16:26

    Hallo,
    dein blog ist toll. Ich freue mich auf jeden neuen Eintrag!
    Viele Grüße
    Ute

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    • Postfriesin 13. August 2016 / 18:45

      Hallo Ute,
      vielen Dank für die nette Rückmeldung, die mich sehr gefreut hat!
      P.

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