Gammelige Kartoffeln

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Ich war noch ziemlich klein, also jung, klein war ich vermutlich nie, zumindest wenn man die Jahrgangskohorte als Maßstab nimmt, als ich meine Mutter fragte, was ich im Leben tun müsse, um a) nicht in der Landwirtschaft und b) nicht ohne Putzhilfe leben zu müssen. Zu a) sei gesagt: Hat geklappt. In all den Jahren habe ich mich hartnäckig geweigert, melken zu lernen. Was man kann, das muss man. Diese moralische Größe hat in landwirtschaftlichen Betrieben einen absolut praktischen Nennwert. Treckerfahren kann ich btw auch nicht. Reiten geht. Mit Tieren fast jeglicher Couleur umgehen, geht auch (wobei das exponentiell mit der Anzahl der Beine eines Lebewesens abnimmt). Schlachten haben mir meine Eltern auch früh beigebracht und weil ich das im Notfall immer noch könnte, esse ich auch Fleisch. Wobei ich jetzt gar keine Diskussion über Ernährung lostreten will, aber für mich ist das wichtig. Die landwirtschaftlichen Betriebe in meiner Familie sind mir wichtig und ich bin froh, dass sie ihre Arbeit mit soviel Herzblut machen, wie sie es tun. Aber für mich war das nix.

Zu b) muss ich sagen, dass ich erst mit meinem 30. Geburtstag in den Genuss einer Spülmaschine gekommen bin. Ich habe aber im Studium gelernt, ganz hervorragend mit wenig Geschirr auszukommen und wie fragte der Bruder des kürzlich verheirateten Mitbewohners von damals: „Man kann auch unter dem Bett saugen?“

Vor einem knappen Jahrzehnt lernte ich den Lieblingsinsulaner kennen. Dass er der großzügigste und netteste und humorvollste Mann ist, denn ich je getroffen habe, habe ich vielleicht noch nicht gesagt. Ist aber so. Außerdem sieht er gut aus. Und schlau ist er auch. Dazu noch sehr demokratisch, und, weil mir das ein besonderes Bedürfnis ist, spricht er von beiden Geschlechtern: Alleinerziehende Mütter und Väter, Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, Idioten und Idiotinnen undsoweiterundsofort. Was ich aber in besonderer Weise an ihm, wahrscheinlich auch aufgrund von Seltenheitswert, schätze, sind seine Haushaltsfähigkeiten. Die sind mir jetzt nicht so gegeben. Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, anerzogenes Geschlechterbild und so, aber inzwischen genieße ich die Freiheit und die Lebensqualität, die wir bekamen, als wir Geschlechterrollenerwartungen über Bord geworfen haben. Mittlerweile kommen wir beide ganz gut damit zurecht, dass er die gammeligen Kartoffeln in der Speisekammer findet und ich weiß, welches Öl in den Motor gehört. Ich baue auch besser Ikea-Möbel auf, während er nicht nur schneller sondern auch gründlicher bügeln kann. Und weil wir auf bestimmte Haushaltssachen einfach beide wirklich gar keine Lust haben, kommt alle zwei Wochen eine Haushaltshilfe zu uns, die die verrücktesten Dinge macht. Türblätter abwischen, Regale entstauben, Heizkörper mit dem Dampfgerät reinigen. Toll.

An dieser Stelle noch ein kurzes Plädoyer für einen guten Service: Unsere Haushaltshilfe ist bei einem festen Arbeitgeber beschäftigt, der ihr deutlich mehr als Mindestlohn bezahlt. Die Hilfe hat geregelten Urlaub und bekommt Putzzeug und Verbrauchsmaterialien gestellt. Dazu bekommt sie Schulungen für den sachgerechten Umgang mit Untergründen und Oberflächen und wäre bei einem Unfall versichert. Außerdem mag sie unsere Hündin.

Was also mit einer etwas merkwürdigen Überschrift begann, ist eigentlich nichts anderes als eine Liebeserklärung. Denn obwohl der Mann mich kennt und wusste, worauf er sich einlässt, hat er mich geheiratet. ♥

2 Gedanken zu “Gammelige Kartoffeln

  1. blogbellona 24. September 2016 / 21:29

    ach, richtig schön! 🙂 mein mann ist nicht besonders gut im haushalt, aber wir teilen die aufgaben trotzdem gerecht auf. mal er (nicht ganz so gründlich), mal ich. oder zusammen. finde ich wichtig.

    eine haushaltshilfe hätte ich zu gerne, aber die kohle verschwende ich lieber für anderes. 🙂

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    • Postfriesin 25. September 2016 / 22:50

      Kann ich verstehen, aber das war ein Herzenswunsch für’s Erwachsenenalter:-)

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