Ach, Dativ, jaja

Meine Sprachlernklasse macht mir ja sehr viel Freude. Es wird viel gelacht und erzählt, die Anweisungen und Informationen fliegen in vielerlei Sprachen durch den Raum und mit großer Emsigkeit werden die Arbeitsaufträge bearbeitet. Gut, nicht immer so, wie ich mir das inhaltlich vorgestellt habe, aber es passiert etwas. Die Ergebnisse sind sehenswert und ich erlebe gerne, was sonst noch so aus dem Material zu fertigen ist. Das zeigt mir täglich, dass ich nicht die Deutungshoheit über den Lernweg habe, was ’ne gute Sache ist. Heute hat mich ein Geschwisterpaar überrascht, als wir Wortarten übten, und das kam so:

Damit nicht nur der mündliche Spracherwerb voranschreitet, müssen meine Herzis ziemlich zügig auch die korrekte Schreibung lernen. Weil sie nicht mehr ganz junge Lernende sind, werden grammatikalische Strukturen wichtiger für den Schriftspracherwerb. Bevor ich anfing, Sprachlernende zu unterrichten, habe ich mir ziemlich wenig Gedanken über Umgangs- und Bildungssprache oder den Unterschied von konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit gemacht. Seit ich aber „Deutsch als Zweitsprache“ unterrichte, befinde ich mich im permanenten Selbststudium. Gut, Auftrag angenommen.

Substantive klappen ziemlich gut, die Marker können alle im Schlaf herbeten:  „Hat Artikel, erste Buchstabe groß, kann sehe, kann anfasse, kann habe.“ Jeweils mit den passenden Gesten; Auf die Augen zeigen, mit der Hand in die Luft greifen oder auf den Bauch klopfen.

„Ja, richtig. Substantive erkennt man daran, dass man sie sehen, anfassen oder haben kann. Wer weiß Beispiele? Mit Artikel?“

„Das…äh, der Baum. Kann ich sehe un‘ anfasse.“

„Gut. Und wer weiß ein Beispiel mit ‚haben‘?“

„Ich habe Hunger. Nicht sehe und nicht anfasse, aber habe.“ (Mittags um halb eins sehr verständlich!)

Die Marker für Verben (Kann ich machen, kann ich konjugieren/ Geste: Auf sich selbst zeigen und Anpassprobe: schwimmen -> „Ich schwimme.“) und Adjektive (Ich frage: Wie?/ Geste: Ein großes Fragezeichen in die Luft malen) sind noch nicht so gut angekommen.

„Was ist das für eine Wortart?“

„Verb!“

„Richtig. Warum?“

„Hat kleine Buchstaben, hat keine Artikel, kann nicht habe und sehe und anfasse.“

Na gut, das philosophisch-psychologische Konstrukt der Negation beherrschen sie.

Die etwas Fortgeschritteneren sollten dann aus einer Reihe Wörter erste Aussagesätze formulieren. Ich habe vorher an der Tafel Beispiele vorgestellt, die die Reihenfolge Substantiv-Verb-Adjektiv hatten (Der Baum ist groß). Bei diesen Sätzen sind die Verben schnell langweilig, es beschränkt sich auf „sein“. Natürlich schließt sich da gleich die nächste Baustelle an, denn man muss sich am Substantiv orientieren, ob Singular oder Plural richtig ist. Mein Geschwisterpärchen hatte nun genug des „Sein oder nicht seins“ und fing mit anderen Verben an. Die wurden dann direkt mit Lokaladverbien versehen: „Ich schwimme in das Schwimmbad.“

Oha.

Während mein Gehirn gar nicht hinterher kam, zu überlegen, wie ich ihnen denn nun gewinnbringend den Unterschied von Wortarten und Satzgliedern erklären kann, geschweige denn, wie das nochmal mit dem Dativ-Artikel für sie machbar wird, war mein Mund wieder schneller: „Gute Idee, aber der Artikel vor Schwimmbad ist falsch. Da muss ein „dem“ hin, das ist ein Dativ.“

Reaktion? „Ah, Dativ, jaja!“, radiert den falschen Artikel aus, schreibt den richtigen rein und strahlt mich an.

„Woher kennst du denn den Dativ?“

„Ich lerne mit Papa, jede Tag.“ Und dann zeigten sie mir einen ganzen Block voller Tabellen und Übungssätze, penibel aufgeschrieben und farblich makiert. Toll. Sie können erst ungefähr 83 Wörter Deutsch, aber „Dativ“, das sitzt.

 

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