Synapsenhochleistungstraining

Der Mann und ich taumeln. Auf ganz unterschiedliche Arten werden wir gerade beansprucht und manchmal wissen wir nicht, wie wir alles denken sollen. Die Wahlergebnisse des letzten Sonntags ernüchtern, denn da sind Menschen gewählt worden, die bisher nicht durch ihre Wertevermittlung oder durch respektvolles Miteinander aufgefallen sind. Was sagt dass denn über die Wählerinnen und Wähler aus?

In meiner Sprachlernklasse sehe ich so viel Hoffnung und strahlende Augen, gleichzeitig höre und sehe ich in den Nachrichten einen Vormarsch von rechten Gedanken, dass mir davon ganz schwindelig wird. Ich sehe so viel Kraft und Stärke und Willen in meinen Schülerinnen und Schülern und ihnen gegenüber stehen Intoleranz, Aberkennung und Unmut. Dieses Spannungsfeld drückt auf mich.

Die Gruppe, die sich für eine Schulinnovation einsetzt, ist noch nicht bei einer handlungsorientierten Gesprächskultur angekommen und weil in mir eine wahnsinnige Mischung aus Ungeduld und Idealismus und Empfindsamkeit tobt, macht mir das ganz schön viel aus. Ich habe da GEFÜHL (das heißt nicht, dass es so ist, Schulz von Thuns vier-Ohren-Modell lässt grüßen), dass ich dort etwas sage, aber nicht gehört werde.

Wir haben ein Haus gekauft, das derzeit umgebaut wird. So weit, so schön. Alles ist ausgewählt, bestellt, mit Lieferzeiten berücksichtigt und kommuniziert. Die Handwerker sind freundlich, gut gelaunt und fleißig. Bis auf die eine berühmte Ausnahme, die kostet dafür aber so viel Energie, wie alle anderen zusammen.

Dann hat sich gestern die ältliche Nachbarin beschwert. Massiv. Und wir? Springen sofort darauf an und haben ein furchtbar schlechtes Gewissen. Statt durchzuatmen und zu sagen: „Okay, tut uns leid, is‘ aber gerade so, zur Einweihungsfete sind Sie herzlich eingeladen!“, im Kopf eher: „Hilfe, wir haben einen Fehler gemacht, das wird jetzt auf immer und ewig alles total schlimm und auch noch unsere Schuld sein!“

Die berufliche Situation des Mannes ändert sich ganz massiv. Das haben wir uns gewünscht und so gewollt und von sehr langer Hand geplant. Trotzdem ist diese Veränderung auch in unserem System eine gewaltige Umwälzung. Das, was der Lieblingsinsulaner in den letzten Jahren getan hat, halte ich für absolut großartig. Unabhängig von meiner Voreingenommenheit sprechen auch alle Ergebnisse für diese Einschätzung. Das berufliche Umfeld, dass er jetzt verlässt, sieht aber nur ein „Du machst nicht weiter, darum bist du doof und wir finden dich kacke.“ Vielleicht ist das ein dynamischer Prozess, der so sein muss, aber es schmerzt schon sehr. Auch mich, denn in den vergangenen Jahren hat die Arbeit auch in unserem Privatleben sehr viel Raum eingenommen.

Und jetzt sitzen wir hier, die Körper wach und unternehmungslustig, allein die Köpfe sind so schwer. Wenn ich uns gerade zeichnen sollte, dann wären wir Kopffüßler, so wie diese Kinderbilder, auf denen Menschen aus riesigem, unförmigem, kartoffelähnlichem Kopf und strichdünnen Extremitäten bestehen. Da ist gerade wenig Gleichgewicht zwischen Hirn, Herz und Bauch.

Diese Phase des „nicht Fisch, nicht Fleisch“-Seins muss bald ein Ende finden. Nur wo ist die Reißleine? Und was kommt dann?

Zugvogel. Das müsste man sein. So wie in dem Lied von Thees Uhlmann:

„Und die Vögel werden fliegen, bis sie sicher sind“

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12 von 12 im September 2016

Heute gibt es keinen tagesaktuellen Bericht, denn ich sitze just in diesem Moment der Veröffentlichung mit einer 14-köpfigen Planungsgruppe an einem runden Tisch und diskutiere und hirnauswringe über Ideen für eine neue Schule. Was für eine Chance!

Darum habe ich euch heute ein paar Aufnahmen der letzten Tage mitgebracht, die es noch nicht in den Blog geschafft haben. Die Festlandtechnik ist endgültig gestorben und muss noch über einen Festplattenspeicher zu Grabe getragen werden, bevor es hoffentlich noch vor Weihnachten eine Neuausstattung gibt. Die Inseltechnik hält aber noch durch, darum schreibe ich von hier:

  1.  Ich war neulich mit dem Hündchen unterwegs und wie so oft liegt die Schönheit im Detail. Im Frühjahr konnte ich nur wenig Küken am Kanal entdecken. Das war letztes Jahr ganz anders. Nun, im Herbst, sind sie aber doch da, groß geworden und augenscheinlich ganz gesund:

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2-4) Der Frühherbst-Spätsommer bringt ganz tolles Licht mit sich und bescheint die Beeren so schön:

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5+6) Das ist so typisch Ostfriesland, das musste ich vom Spaziergang einfach knipsen und euch zeigen:

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7) Am Sonntag haben wir noch eine Radtour gemacht, bevor mich das Schiff wieder Richtung Festland brachte. Der Blick auf die Nachbarinsel zeigt es: Das Wetter meint es gut mit uns und so ist auch unsere Stimmung sehr sonnig. Trotz Wahlen und Abschiedsschmerz.img_4128

8) Die Pferde liefen über die große Heller-Weide und das ist ein Anblick, der mich immer besonders freut. Ich glaube, wenn ich ein Pferd wäre, würde ich auch lieber bei allen Wetterlagen mit meinen Kumpels draußen sein (okay, Blizzard vielleicht nicht), statt 23 Stunden am Tag in einer wohltemperierten Box zu stehen. Ich weiß, dass es manchmal nicht geht, aber die Weidepferde haben’s schon schön:

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9) Die Pferdefreunde, denen sie oben so aufmerksam nachblicken, haben schon eine Runde über den Strand gezogen und Urlaubsgäste glücklich gemacht:

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10) Weil ich mit dem Fotografieren mal wieder nicht hinterherkam, hat der Lieblingsinsulaner eine Pause eingelegt.img_4186

11) Ja, na nu, wat wullt moaken? De Blömen weeren man so lüttjet, die kunn ik ne up’t Bild kriegen:img_4181

12) Damit endete ein wunderschönes Wochenende, das Schiff trug mich an Land und hier wartete die Planungsgruppe. Man, man, man. Wir diskutieren im Kreis und ich ungeduldiges Etwas bin mittendrin. Aber das Wochenende, das war wunder-wunder-schön:

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Das waren meine 12 von 12, die nun doch erst am 13. rauskommen. Aber hey, ich mochte noch nie gerne schablonenhaft sein 😉

Danke für’s vorbeisurfen! Eine schöne Woche und bis bald!

Mehr von diesen Einblicken findet ihr hier.

Kommunalwahlsonntag

Am heutigen Sonntag werden bis 18.00 Uhr in den Wahllokalen die Stimmen für die neuen Gemeinde-, Orts-, Stadt- und Kreisräte, mancherorts auch für Bürgermeister- und Landratsämter abgegeben. Die Wahlkämpfe der umliegenden Kommunen habe ich mit halben Ohr und Auge verfolgt und was soll ich sagen? Augenscheinlich ist man(n) immer noch dann ein „guter Politiker“, wenn man männlich, weißhäutig und in gesetztem Alter ist.

Ich finde das irgendwie erschreckend. Trauen Frauen sich das Amt nicht zu? Sind junge Leute so satt, dass sie sich für nichts mehr einsetzen müssen? Auch die Wahlslogans der etablierten und anderen Parteien sind sensationell inhaltsleer. Zu den deprimierendsten Aussagen gehörte ein Wahlplakat der AfD mit der Aufschrift „schwarz-rot-gold ist bunt genug“ und die Aussage verschiedener Amtskandidaten, dass zukünftig deutlich mehr für den Tourismus und weniger für den Umweltschutz getan werden müsse.

Ich meine, da sitzen wir in einer der großartigsten Naturphänomene überhaupt, dem Weltnaturerbe Wattenmeer, und diese einzigartige Fläche schafft es in einigen Stellen, sich dem kapitalistischen Seifenblasenträumen zu entziehen und ein Ort für soviel Leben zu sein, vom Sandpierwurm über den Knutt bis hin zur Braundüne, UND DAS WOLLEN WIR ZERSTÖREN?

Oder anders: Wir sitzen behaglich im Warmen, stehen keiner unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben gegenüber, können in vielen Dingen frei wählen (und tun’s dann doch nicht, wie die Wahlbeteiligung immer wieder verdeutlicht) und dann kommen Menschen, die dieses Leben auch für sich wünschen und wir sagen: Nö. Falsche Hautfarbe, falsche Religion, falsche Einkommensstruktur?

Super. Da haben sich all die Bemühungen und klugen Gedanken für ein vereinigtes, friedvolles Europa ja mal so richtig gelohnt. Und auch die Schule, ich nehme meine da gar nicht aus, versteht es vortrefflich, die grandiose Idee der freiheitlichen Demokratie zu transportieren. *Ironie aus*

Was ich mir wünsche: Geht wählen. Nicht erst dann, wenn die auftauchen, die ihr hunderprozentig unterstützen könnt, sondern schon dann, wenn ihr die Wahl habt, diejenigen, die eure größte Zustimmung treffen. Und wenn da niemand ist: Warum nicht selbst kandidieren? Oder in der kommenden Wahlperiode bei der ein oder anderen öffentlichen Sitzung dabei sein und die Fragestunde nutzen und die eigene Meinung kundtun? Da, wo man etwas verändern kann, nicht da, wo es billige Zustimmung und inhaltsleeres Gewäsch gibt.

Das wär schon was!

Ich kann Kreise reiten!

Gestern in der Reitstunde meinte die Reitlehrerin zu mir: „Wir versuchen das heute mal ohne Laufferzügel.“

Laufferzügel, für alle Nicht-Hippologen, sind Hilfszügel, die zusätzlich zu den Trensenzügeln (das sind die Dinger, die man beim Reiten in der Hand hat) am Pferd verschnallt werden können und einige Funktionen übernehmen. Im Falle des Schulpferdes hilft der Laufferzügel, dass das Pferd den Kopf eher weiter unten trägt. Mir hilft der Laufferzügel, weil ich noch nicht in allen Gangarten und beim Tempowechsel ganz gleichmäßig und ruhig die Verbindung zum Pferdemaul halten kann. Oder vielleicht doch? Immerhin haben wir gestern ohne Laufferzügel begonnen.

Ich mag an dem Unterricht, dass ich in meinem Tempo lernen kann. Meine Reitlehrerin  hat viel Geduld mit mir und in den Einzelstunden hat sie auch die Zeit, mich genau zu beobachten. Gestern begannen wir wie üblich mit der Schrittarbeit, um das Pferd zu lösen. In dieser Phase der Reitstunde ähnelt die Bewegung dem Dehnen bei anderen Sportarten, zum Beispiel vor dem Joggen. Hierbei versuche ich, das Pferd dahin zu treiben, dass es sich je nach Reitrichtung (die Reitersleute sprechen dann von „rechte Hand“ und „linke Hand“, je nachdem, welche Hand nach „Innen“, also in die Reitplatzmitte, zeigt) um meinen inneren Schenkel biegt. Idealerweise beschreibt der Pferdekörper dann von oben betrachtet einen Bogen, bei dem Kopf und Hinterteil weiter nach innen zeigen, während der Bauch sich eher nach außen wölbt. Je nach „Bauart“ des Pferdes können die Tiere das unterschiedlich gut. Im Falle meines Schulpferdes geht das so mittelgut. Er hat einen ziemlich langen Rücken und muss sich bei einer Biegung im Körper natürlich mehr anstrengen, als ein Pferd mit einem kürzeren Rücken. Edit: Das ist Quatsch, denn tendenziell müsste er sich besser als ein kurzes Pferd biegen können, aber die guten Nerven und seine große Geduld machen ihn zwar einerseits zu einem super Schulpferd, bescheren ihm aber andererseits auch viele Menschen wie mich, die das Stellen und Biegen auch erst noch erlernen müssen und das macht ihn manchmal ein bisschen steif. Die Schwierigkeit liegt nämlich darin, dass das innere Hinterbein des Pferdes möglichst weit unter den Bauch schwingen sollte, von dem ich ja gleichzeitig möchte, dass der so ein bisschen nach außen zeigt. Wenn alles klappt, dann dehnt das Pferd dabei seine äußere Seite (also die, die zur Reitbande zeigt). Und wenn dann auch noch der Kopf des Pferde so locker ist, dass die Nase eher nach vorne-unten als nach hinten-oben zeigt, kann das Pferd auch die Rückenmuskulatur lockern.

Klingt kompliziert? Find ich auch. Aber, und das ist das Gute an dem ruhigen und erklärendem Reitunterricht, ich kapiere langsam immer besser, wie das gemeint ist. Wenn es mir dann gelingt, das Pferd durch Treibhilfen und Stellung wirklich in eine Biegung zu bekommen, wird das Reiten schlagartig sehr viel schöner und harmonischer. Das ist echt verrückt, aber ganz, ganz toll. Das Schulpferd ist natürlich ein schlauer Fuchs und denkt sich: „Ach, Reiterin. Kenn‘ ich. Erleb ich jeden Tag zwei Stück von. Ich latsche jetzt erstmal so meiner Wege und wenn du dich nicht durchsetzen kannst, bleibt es für mich gemütlich und für dich schweißtreibend. Ist doch ’n Deal, oder?“

Dem Pferd geht’s da nämlich wie mir, ich weiß, wie gut mir das Rückenyoga tut, aber ich gucke lieber Sheldon Cooper oder McDreamy bei ihren Tätigkeiten zu. Darum arbeitet meine Reitlehrerin auch meistens mit den Hilfszügeln. Sie helfen dem Pferd, schneller seine körperlich gesunde Richtung zu finden und nicht länger in der „gemütlichen“ Schonhaltung zu bleiben. Jetzt war aber gestern der Zeitpunkt günstig, es mal ohne auszuprobieren. Die Sonne schien, das Pferd war ausgeschlafen, die Reitbahn frisch abgezogen, also perfekte Bedingungen für ein Erfolgserlebnis. Das tolle Schulpferd hat es mir auch gegönnt und ich konnte die Stellung und Biegung in allen drei Grundarten erreichen. Ohne Laufferzügel.

Am Ende der Stunde reckte ich stolz die Schumi-Faust in den blauen Himmel und rief: „Ich kann Kreise reiten!“

 

‚N Tee oder ’n Schnaps?

Im Deutschleistungskurs lasen wir Siegfried Lenz „Deutschstunde“ und sahen dazu auch eine Verfilmung von 1971. In einer Szene bekommt Familie Jeppsen Besuch und die Frau fragt: „Willste ’n Tee oder ’n Schnaps?“

Seither komme ich immer wieder in Situationen, bei denen genau diese wichtige Frage ungestellt im Raum schwingt. Tee, das Nationalgetränk der Ostfriesinnen, ist natürlich IMMER richtig. Die klassische Geburtstagsfeier sieht ihn auch abends vor. In meiner Kindheit waren die Eltergeburtstage eine verwirrende Mischung aus total langweilig und endlich mal was los. Es begann bereits mit der Uhrzeit: Bevor das Melken nicht erledigt und das Abendbrot gegessen, die Dusche (oder großzügig das Rasierwasser als Alternative) den Geruch erneuert und „dat good Hemd“angezogen war, begann keine Feier. Also eigentlich nie vor acht Uhr abends. Selbstverständlich ist das meistens eine zu-Bett-geh-Zeit gewesen, darum konnten wir, die Geschwister und ich, immer nur die sehr pünktlichen Gäste begrüßen. Die wurden dann in die gute Stube begleitet, wo bereits das Teeservice aufgebaut war. Denn ohne drei Tassen Tee keine Feier, mutten wi nee över prooten. Zum Tee wurde immer Kuchen und Gebäck gereicht. Dann, Geschlechterrollen bis zur Perfektion austrainiert, hat meine Mutter mit Unterstützung aller weiblichen Anwesenden (und weh der, die sitzenblieb. Es sei denn, sie war schwanger oder im Stall so übel gefallen, dass sie sich kaum bewegen konnte), die Teetafel abgeräumt, während mein Vater mit gr0ßer Geste den Alkohol hervorgeholt hat. In meinen ganz jungen Jahren war das Bier und Schnaps, später, der Kultur wegen, auch sehr, sehr, sehr süßer Wein. Schließlich kennt man was von der Welt. In der Zwischenzeit hat meine Mutter ein paar Snacks bereitgestellt. Pikantgewürzte Erdnüsse werden mir wahrscheinlich für immer und ewig mit diesen Feierlichkeiten verbunden bleiben. Nach Tee, Schnaps und Kaltgetränken gab es dann gegen Mitternacht noch eine warme Gulaschsuppe oder anderes Nahrhaftes. Schließlich erforderten die immer gleichen Gespräche über Land (Kauf, Verkauf, Pacht, Bodenverhältnisse), Kühe (Kuhkalb, Bullkalb, Milchquote, Schlachtpreis) oder Trecker (Modell, Zugleistung, Reifenbreite) bei den Männern und Kinder (Schwangerschaft, Babysitter, Einschulung), Mode (Katalog oder Geschäft zwei Dörfer weiter) oder Hobbys (Seidenmalerei, Patchwork, Blumentopfwichtel) bei den Frauen beträchtliche Energiereserven. Außerdem hatten wir Kinder dann am nächsten Tag gleich Mittagessen parat.

Merke also: Traditionelle Geburtstagsfeiern unterscheiden nicht zwischen Tee und Schnaps, sondern delegieren lediglich die Uhrzeit.

Wie ich da jetzt drauf komme?

Gestern hatten wir erst Tee, dann Abendessen (sagte ich schon, wie toll der Mann kocht? Ja? Ne? Tut er!) und dann wäre eigentlich ein schnöde-gemütlicher Fernsehabend dran gewesen. Da war uns aber nach den Ereignissen des Tages nicht so recht nach, also blieben wir in der Küche sitzen. Da steht ein Ostfriesensofa. Der Lieblingsinsulaner schenkte mir gestern noch ein bisschen Lego, dass ich aus irgendeinem Grund gerade wieder ganz cool finde. Das letzte Mal war so mit acht Jahren. Während ich also den Joker und Batman mit fahrbaren Untersätzen austattete, spotifyte sich der Mann durch’s Netz und wir stellten erneut fest, dass wir wirklich viele gemeinsame Lieblingslieder haben. Ganz neu auf der Liste: „The Sound of Silence“ in der Version von Disturbed. Tja, und weil wir Tee schon hatten, haben wir die ganze Sache ordentlich mit Schnaps begossen. Das hätte mir damals bei diesen schrecklich uniformen Geburtstagsfeiern mal jemand sagen sollen; dass ich ein paar-und-zwanzig Jahre später neben dem tollsten Mann der Welt für mich sitzen kann, wir durch und durch Insulaner und Ostfriesin sind und dabei trotzdem bestimmte Geschlechterrollen aufweichen können. Diese Freiheit und diese Nähe, die entsteht, weil wir uns beide auf gleicher Höhe begegnen, finde ich so-so-so großartig!

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Ostfriesland ist übrigens auch, wenn man das Wetter von weither kommen sehen kann und schon den Sonnenschein dahinter erahnt.

Perspektivwechsel

Eigentlich habe ich gerade den altersschwachen Laptop hochgefahren, weil ich eine Schimpftirade über den Verräterkörper loslassen wollte. Wir wünschen uns Nachwuchs und hoffen seit fünfeinhalb Jahren, dass es klappt. Tat es bisher nicht. Wir haben auch schon ziemlich viel Kopfkino durch und der Umgang mit diesem bislang unerfüllten Kinderwunsch verändert sich und ist meistens auch okay. Jetzt gerade durchwate ich einen Strudel von Genervtsein, Wut und Hilflosigkeit, was sich aber vermutlich schlimmer liest, als es ist. Im Kopf ist der größte Teil klar und auch das Herz spielt mit, nur die Hormone sind manchmal (also: JETZT) sehr stimmungsbeeinflussend.

Jetzt steht da oben aber „eigentlich“.  Aus einem bestimmten Grund und der ist: Ich habe keinen Bock, diesem ganzen Firlefanz jetzt noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken als ohnehin schon. Darum mache ich es jetzt wie das Tier und schüttel mich einmal kräftig durch. Sie schlackert dann auch noch so mit den Ohren, dass so ein Geräusch wie von diesen Plastik-Castagnetten entsteht. Danach geht’s weiter, fröhlich pfeifend.

In dieser Woche gab es nämlich ein paar sehr schöne Erlebnisse: Am Mittwoch beispielsweise, da war ich abends am Stall, wo damals das kleine Trampeltier stand. Jetzt gibt’s die Gute ja schon ungefähr ein Jahr nicht mehr, aber der Kontakt ist noch da. Das ist etwas, was mich sehr freut. Der Punktehund und ich haben uns also gegen Abend auf den Weg gemacht, legten einen Zwischenstopp beim Dönermann ein und sind dann auf den Hof gefahren. Da warteten schon die Pferdebesitzerinnen auf den Gartenstühlen, ein Bier in der Hand. Bei Bier und Döner ging’s dann los: Wir haben ganz unterschiedliche Berufe und Lebenswege, aber das Hobby „Pferd“ verbindet. Was macht das Tier, wie geht’s beim Reiten voran, passt der Sattel noch, heilt das Hufgeschwür ab?

Bei diesen Stallfreundschaften hat sich aber auch gezeigt, dass wir uns noch so viel mehr zu sagen haben, als nur die Analyse von diesem und jenem Hufschmied oder der Evaluation des besten Führstricks unter Berücksichtigung der Optik und Haptik. Vortrefflicherweise kann ich mit diesen wunderbaren Menschen nämlich auch über andere Dinge, zum Beispiel von der Schule, sprechen, ohne dass das gleich so ein Pädagogengequatsche wird. Klar, das ist auch wichtig und wenn ich mit meinen Kolleginnen zusammenhocke, dann macht mir das auch sehr viel Freude, aber ich will das eben nicht immer. Manchmal brauche ich die Perspektive von außen, die hilft mir dann, wieder eine Spur zu finden. Und manchmal ist es auch das genaue Gegenteil: Sie erzählen mir aus ihren Berufen und von ihren Alltagen und ich denke: „Cool, so kannste das eigentlich auch mal sehen!“

Die Eine, die hat eine herrlich ansteckende Lache und kann die Dinge so herzerfrischend sachlich betrachten. Wenn ich manchmal schon völlig verdreht bin vor lauter Betrachtungsweisen, haut sie einfach mal dazwischen und bringt die Sache auf den Punkt. Dabei ist sie erfreulicherweise nicht so pauschal wie ein Kalenderspruch, sondern bringt eine komplexe, aber gradlinige Betrachtungsweise ins Spiel. Das finde ich immer wieder cool.

Die Andere, die hat ein besonders feines Gespür für die leisen Töne. Sie nimmt Dinge und Aussagen auf eine Weise wahr, die mir sehr entspricht. Ich fühle mich dann sehr verstanden und kann auch sie gut verstehen. Gleichzeitig ist sie aber auch absolut klar, in dem was sie sich vom Leben und besonders für ihr Pferdchen wünscht. Diese Mischung aus Sensibilität und Sturheit, den eigenen Weg zu finden und auch zu gehen, finde ich super.

Und dann ist da noch die Neue, sie kam erst nach mir an den Stall, sehr unterhaltsam und spritzig. Da wird die Zeit zeigen, was draus wird.

Man sagt uns Ostfriesinnen ja nach, dass wir nicht leicht Freundschaft schließen und diese Aussage trifft auf mich voll zu. Das ist aber nur die eine Hälfte, die andere ist nämlich die, WENN wir Freunde sind, dann auch für immer. Bei den beiden Stallmädels bin ich da sehr, sehr guter Dinge.

Das bringt mich am Ende dieses Artikels dann eben doch wieder an den Anfang: Klar wünschen wir uns Kinder und klar ist das Leben ohne sie ein anderes, aber es ist eben auch klar, dass „anders“ nicht „schlechter“ ist. Wenn ich die Liebe zu meinem Mann nicht erleben dürfte, wenn ich nicht die Freiheit, die ich so vielen Bereichen meines Lebens habe, genießen könnte, wenn da nicht die Menschen wären, mit denen ich so gerne meine Zeit verbringe, wenn ich nicht die Schönheit des Moments erkennen könnte, dann würde ich das mit Sicherheit schmerzlicher vermissen als ein Kind.

2016-08-30 08.27.31