Perspektivwechsel

Eigentlich habe ich gerade den altersschwachen Laptop hochgefahren, weil ich eine Schimpftirade über den Verräterkörper loslassen wollte. Wir wünschen uns Nachwuchs und hoffen seit fünfeinhalb Jahren, dass es klappt. Tat es bisher nicht. Wir haben auch schon ziemlich viel Kopfkino durch und der Umgang mit diesem bislang unerfüllten Kinderwunsch verändert sich und ist meistens auch okay. Jetzt gerade durchwate ich einen Strudel von Genervtsein, Wut und Hilflosigkeit, was sich aber vermutlich schlimmer liest, als es ist. Im Kopf ist der größte Teil klar und auch das Herz spielt mit, nur die Hormone sind manchmal (also: JETZT) sehr stimmungsbeeinflussend.

Jetzt steht da oben aber „eigentlich“.  Aus einem bestimmten Grund und der ist: Ich habe keinen Bock, diesem ganzen Firlefanz jetzt noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken als ohnehin schon. Darum mache ich es jetzt wie das Tier und schüttel mich einmal kräftig durch. Sie schlackert dann auch noch so mit den Ohren, dass so ein Geräusch wie von diesen Plastik-Castagnetten entsteht. Danach geht’s weiter, fröhlich pfeifend.

In dieser Woche gab es nämlich ein paar sehr schöne Erlebnisse: Am Mittwoch beispielsweise, da war ich abends am Stall, wo damals das kleine Trampeltier stand. Jetzt gibt’s die Gute ja schon ungefähr ein Jahr nicht mehr, aber der Kontakt ist noch da. Das ist etwas, was mich sehr freut. Der Punktehund und ich haben uns also gegen Abend auf den Weg gemacht, legten einen Zwischenstopp beim Dönermann ein und sind dann auf den Hof gefahren. Da warteten schon die Pferdebesitzerinnen auf den Gartenstühlen, ein Bier in der Hand. Bei Bier und Döner ging’s dann los: Wir haben ganz unterschiedliche Berufe und Lebenswege, aber das Hobby „Pferd“ verbindet. Was macht das Tier, wie geht’s beim Reiten voran, passt der Sattel noch, heilt das Hufgeschwür ab?

Bei diesen Stallfreundschaften hat sich aber auch gezeigt, dass wir uns noch so viel mehr zu sagen haben, als nur die Analyse von diesem und jenem Hufschmied oder der Evaluation des besten Führstricks unter Berücksichtigung der Optik und Haptik. Vortrefflicherweise kann ich mit diesen wunderbaren Menschen nämlich auch über andere Dinge, zum Beispiel von der Schule, sprechen, ohne dass das gleich so ein Pädagogengequatsche wird. Klar, das ist auch wichtig und wenn ich mit meinen Kolleginnen zusammenhocke, dann macht mir das auch sehr viel Freude, aber ich will das eben nicht immer. Manchmal brauche ich die Perspektive von außen, die hilft mir dann, wieder eine Spur zu finden. Und manchmal ist es auch das genaue Gegenteil: Sie erzählen mir aus ihren Berufen und von ihren Alltagen und ich denke: „Cool, so kannste das eigentlich auch mal sehen!“

Die Eine, die hat eine herrlich ansteckende Lache und kann die Dinge so herzerfrischend sachlich betrachten. Wenn ich manchmal schon völlig verdreht bin vor lauter Betrachtungsweisen, haut sie einfach mal dazwischen und bringt die Sache auf den Punkt. Dabei ist sie erfreulicherweise nicht so pauschal wie ein Kalenderspruch, sondern bringt eine komplexe, aber gradlinige Betrachtungsweise ins Spiel. Das finde ich immer wieder cool.

Die Andere, die hat ein besonders feines Gespür für die leisen Töne. Sie nimmt Dinge und Aussagen auf eine Weise wahr, die mir sehr entspricht. Ich fühle mich dann sehr verstanden und kann auch sie gut verstehen. Gleichzeitig ist sie aber auch absolut klar, in dem was sie sich vom Leben und besonders für ihr Pferdchen wünscht. Diese Mischung aus Sensibilität und Sturheit, den eigenen Weg zu finden und auch zu gehen, finde ich super.

Und dann ist da noch die Neue, sie kam erst nach mir an den Stall, sehr unterhaltsam und spritzig. Da wird die Zeit zeigen, was draus wird.

Man sagt uns Ostfriesinnen ja nach, dass wir nicht leicht Freundschaft schließen und diese Aussage trifft auf mich voll zu. Das ist aber nur die eine Hälfte, die andere ist nämlich die, WENN wir Freunde sind, dann auch für immer. Bei den beiden Stallmädels bin ich da sehr, sehr guter Dinge.

Das bringt mich am Ende dieses Artikels dann eben doch wieder an den Anfang: Klar wünschen wir uns Kinder und klar ist das Leben ohne sie ein anderes, aber es ist eben auch klar, dass „anders“ nicht „schlechter“ ist. Wenn ich die Liebe zu meinem Mann nicht erleben dürfte, wenn ich nicht die Freiheit, die ich so vielen Bereichen meines Lebens habe, genießen könnte, wenn da nicht die Menschen wären, mit denen ich so gerne meine Zeit verbringe, wenn ich nicht die Schönheit des Moments erkennen könnte, dann würde ich das mit Sicherheit schmerzlicher vermissen als ein Kind.

2016-08-30 08.27.31

Ein Gedanke zu “Perspektivwechsel

  1. blogbellona 25. September 2016 / 15:20

    der letzte absatz ist so schön und so wichtig. es ist meiner meinung nach wirklich elementar, dass man sich ganz dem guten im leben bewusst ist. und auch wenn man sich kinder wünscht, sollte man sich mit dem „anderen lebensmodell“ befassen und auch das gute daran sehen. so war es bei uns auch. wenn es nicht geklappt hätte, und nach 2,5 jahren ohne verhütung hat man sich mit dem gedanken durchaus auch befasst, wäre das andere lebensmodell für uns auch in ordnung gewesen. wir haben unser leben zusammen sehr genossen und hätten das auch weiter getan. und das ist wichtig. und das tut ihr. ich wünsche euch alles gute, und dass ihr zufrieden sein könnt mit dem, was ihr habt. 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s