‚N Tee oder ’n Schnaps?

Im Deutschleistungskurs lasen wir Siegfried Lenz „Deutschstunde“ und sahen dazu auch eine Verfilmung von 1971. In einer Szene bekommt Familie Jeppsen Besuch und die Frau fragt: „Willste ’n Tee oder ’n Schnaps?“

Seither komme ich immer wieder in Situationen, bei denen genau diese wichtige Frage ungestellt im Raum schwingt. Tee, das Nationalgetränk der Ostfriesinnen, ist natürlich IMMER richtig. Die klassische Geburtstagsfeier sieht ihn auch abends vor. In meiner Kindheit waren die Eltergeburtstage eine verwirrende Mischung aus total langweilig und endlich mal was los. Es begann bereits mit der Uhrzeit: Bevor das Melken nicht erledigt und das Abendbrot gegessen, die Dusche (oder großzügig das Rasierwasser als Alternative) den Geruch erneuert und „dat good Hemd“angezogen war, begann keine Feier. Also eigentlich nie vor acht Uhr abends. Selbstverständlich ist das meistens eine zu-Bett-geh-Zeit gewesen, darum konnten wir, die Geschwister und ich, immer nur die sehr pünktlichen Gäste begrüßen. Die wurden dann in die gute Stube begleitet, wo bereits das Teeservice aufgebaut war. Denn ohne drei Tassen Tee keine Feier, mutten wi nee över prooten. Zum Tee wurde immer Kuchen und Gebäck gereicht. Dann, Geschlechterrollen bis zur Perfektion austrainiert, hat meine Mutter mit Unterstützung aller weiblichen Anwesenden (und weh der, die sitzenblieb. Es sei denn, sie war schwanger oder im Stall so übel gefallen, dass sie sich kaum bewegen konnte), die Teetafel abgeräumt, während mein Vater mit gr0ßer Geste den Alkohol hervorgeholt hat. In meinen ganz jungen Jahren war das Bier und Schnaps, später, der Kultur wegen, auch sehr, sehr, sehr süßer Wein. Schließlich kennt man was von der Welt. In der Zwischenzeit hat meine Mutter ein paar Snacks bereitgestellt. Pikantgewürzte Erdnüsse werden mir wahrscheinlich für immer und ewig mit diesen Feierlichkeiten verbunden bleiben. Nach Tee, Schnaps und Kaltgetränken gab es dann gegen Mitternacht noch eine warme Gulaschsuppe oder anderes Nahrhaftes. Schließlich erforderten die immer gleichen Gespräche über Land (Kauf, Verkauf, Pacht, Bodenverhältnisse), Kühe (Kuhkalb, Bullkalb, Milchquote, Schlachtpreis) oder Trecker (Modell, Zugleistung, Reifenbreite) bei den Männern und Kinder (Schwangerschaft, Babysitter, Einschulung), Mode (Katalog oder Geschäft zwei Dörfer weiter) oder Hobbys (Seidenmalerei, Patchwork, Blumentopfwichtel) bei den Frauen beträchtliche Energiereserven. Außerdem hatten wir Kinder dann am nächsten Tag gleich Mittagessen parat.

Merke also: Traditionelle Geburtstagsfeiern unterscheiden nicht zwischen Tee und Schnaps, sondern delegieren lediglich die Uhrzeit.

Wie ich da jetzt drauf komme?

Gestern hatten wir erst Tee, dann Abendessen (sagte ich schon, wie toll der Mann kocht? Ja? Ne? Tut er!) und dann wäre eigentlich ein schnöde-gemütlicher Fernsehabend dran gewesen. Da war uns aber nach den Ereignissen des Tages nicht so recht nach, also blieben wir in der Küche sitzen. Da steht ein Ostfriesensofa. Der Lieblingsinsulaner schenkte mir gestern noch ein bisschen Lego, dass ich aus irgendeinem Grund gerade wieder ganz cool finde. Das letzte Mal war so mit acht Jahren. Während ich also den Joker und Batman mit fahrbaren Untersätzen austattete, spotifyte sich der Mann durch’s Netz und wir stellten erneut fest, dass wir wirklich viele gemeinsame Lieblingslieder haben. Ganz neu auf der Liste: „The Sound of Silence“ in der Version von Disturbed. Tja, und weil wir Tee schon hatten, haben wir die ganze Sache ordentlich mit Schnaps begossen. Das hätte mir damals bei diesen schrecklich uniformen Geburtstagsfeiern mal jemand sagen sollen; dass ich ein paar-und-zwanzig Jahre später neben dem tollsten Mann der Welt für mich sitzen kann, wir durch und durch Insulaner und Ostfriesin sind und dabei trotzdem bestimmte Geschlechterrollen aufweichen können. Diese Freiheit und diese Nähe, die entsteht, weil wir uns beide auf gleicher Höhe begegnen, finde ich so-so-so großartig!

2016-09-04 18.00.37

Ostfriesland ist übrigens auch, wenn man das Wetter von weither kommen sehen kann und schon den Sonnenschein dahinter erahnt.

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