Ich kann Kreise reiten!

Gestern in der Reitstunde meinte die Reitlehrerin zu mir: „Wir versuchen das heute mal ohne Laufferzügel.“

Laufferzügel, für alle Nicht-Hippologen, sind Hilfszügel, die zusätzlich zu den Trensenzügeln (das sind die Dinger, die man beim Reiten in der Hand hat) am Pferd verschnallt werden können und einige Funktionen übernehmen. Im Falle des Schulpferdes hilft der Laufferzügel, dass das Pferd den Kopf eher weiter unten trägt. Mir hilft der Laufferzügel, weil ich noch nicht in allen Gangarten und beim Tempowechsel ganz gleichmäßig und ruhig die Verbindung zum Pferdemaul halten kann. Oder vielleicht doch? Immerhin haben wir gestern ohne Laufferzügel begonnen.

Ich mag an dem Unterricht, dass ich in meinem Tempo lernen kann. Meine Reitlehrerin  hat viel Geduld mit mir und in den Einzelstunden hat sie auch die Zeit, mich genau zu beobachten. Gestern begannen wir wie üblich mit der Schrittarbeit, um das Pferd zu lösen. In dieser Phase der Reitstunde ähnelt die Bewegung dem Dehnen bei anderen Sportarten, zum Beispiel vor dem Joggen. Hierbei versuche ich, das Pferd dahin zu treiben, dass es sich je nach Reitrichtung (die Reitersleute sprechen dann von „rechte Hand“ und „linke Hand“, je nachdem, welche Hand nach „Innen“, also in die Reitplatzmitte, zeigt) um meinen inneren Schenkel biegt. Idealerweise beschreibt der Pferdekörper dann von oben betrachtet einen Bogen, bei dem Kopf und Hinterteil weiter nach innen zeigen, während der Bauch sich eher nach außen wölbt. Je nach „Bauart“ des Pferdes können die Tiere das unterschiedlich gut. Im Falle meines Schulpferdes geht das so mittelgut. Er hat einen ziemlich langen Rücken und muss sich bei einer Biegung im Körper natürlich mehr anstrengen, als ein Pferd mit einem kürzeren Rücken. Edit: Das ist Quatsch, denn tendenziell müsste er sich besser als ein kurzes Pferd biegen können, aber die guten Nerven und seine große Geduld machen ihn zwar einerseits zu einem super Schulpferd, bescheren ihm aber andererseits auch viele Menschen wie mich, die das Stellen und Biegen auch erst noch erlernen müssen und das macht ihn manchmal ein bisschen steif. Die Schwierigkeit liegt nämlich darin, dass das innere Hinterbein des Pferdes möglichst weit unter den Bauch schwingen sollte, von dem ich ja gleichzeitig möchte, dass der so ein bisschen nach außen zeigt. Wenn alles klappt, dann dehnt das Pferd dabei seine äußere Seite (also die, die zur Reitbande zeigt). Und wenn dann auch noch der Kopf des Pferde so locker ist, dass die Nase eher nach vorne-unten als nach hinten-oben zeigt, kann das Pferd auch die Rückenmuskulatur lockern.

Klingt kompliziert? Find ich auch. Aber, und das ist das Gute an dem ruhigen und erklärendem Reitunterricht, ich kapiere langsam immer besser, wie das gemeint ist. Wenn es mir dann gelingt, das Pferd durch Treibhilfen und Stellung wirklich in eine Biegung zu bekommen, wird das Reiten schlagartig sehr viel schöner und harmonischer. Das ist echt verrückt, aber ganz, ganz toll. Das Schulpferd ist natürlich ein schlauer Fuchs und denkt sich: „Ach, Reiterin. Kenn‘ ich. Erleb ich jeden Tag zwei Stück von. Ich latsche jetzt erstmal so meiner Wege und wenn du dich nicht durchsetzen kannst, bleibt es für mich gemütlich und für dich schweißtreibend. Ist doch ’n Deal, oder?“

Dem Pferd geht’s da nämlich wie mir, ich weiß, wie gut mir das Rückenyoga tut, aber ich gucke lieber Sheldon Cooper oder McDreamy bei ihren Tätigkeiten zu. Darum arbeitet meine Reitlehrerin auch meistens mit den Hilfszügeln. Sie helfen dem Pferd, schneller seine körperlich gesunde Richtung zu finden und nicht länger in der „gemütlichen“ Schonhaltung zu bleiben. Jetzt war aber gestern der Zeitpunkt günstig, es mal ohne auszuprobieren. Die Sonne schien, das Pferd war ausgeschlafen, die Reitbahn frisch abgezogen, also perfekte Bedingungen für ein Erfolgserlebnis. Das tolle Schulpferd hat es mir auch gegönnt und ich konnte die Stellung und Biegung in allen drei Grundarten erreichen. Ohne Laufferzügel.

Am Ende der Stunde reckte ich stolz die Schumi-Faust in den blauen Himmel und rief: „Ich kann Kreise reiten!“

 

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