Herbstferienbericht

Und zack, da sind die schönen Ferientage auch wieder vorbei. Am Anfang der Woche haben wir für meinen Bruder einen Bogen gemacht. In Ostfriesland ist es üblich, dass ein Jubilar für sein Jubiläum einen Türbogen oder Rasenschmuck in Form von Immergrün auf Holzplatte, gerne anlassbezogen zurecht geformt, erhält. Da kommen in den Vorgärten die dollsten Dinger zu stehen: Herzen, Trecker, Handschellen. Und weil hier eigentlich niemand ins Glas spuckt, wird der Bogen einen Tag vor dem Jubiläum zum Jubilar gebracht. Der darf sich dann mit einem Schnaps und einer Einladung für’s große Gelage bedanken. Ausdauernde Feierfreudige kommen dann zum eigentlichen Jubiläum erneut auf ein Kaltgetränk vorbei, bevor sie bei der eigentlichen Feier richtig zulangen. Tja, wenn die Bevölkerung so protestantisch ist wie hier, fallen eben ’ne Menge Feiertage weg. Macht aber nix, wir sind da erfinderisch. Mein Bruder hat sich „heel düchtig“ gefreut und ich mich sehr für ihn, denn über 50 Leute haben an ihn gedacht und verschiedene Bögen vor und ans Haus gestellt. Seine Arbeitskollegen ebenso wie die Familie oder die Leute von seinem Lieblingshobby und seine Partyclique, niemand hat sich lumpen lassen. Er sich auch nicht, die große Sause startet in ein paar Wochen.

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Am Wochenende haben wir den Wald erkundet. Sogar mit Sonnenschein, der sich in den letzten Tagen ziemlich rar machte.

Die Baustelle hat uns diese Woche ein bisschen gestresst, denn wir sind zwei Wochen im Verzug. Der Lieblingsmann reagiert auf Stress grundsätzlich anders als ich, nämlich mehr so innerlich, während ich dann doch immer wieder feststelle, dass meine Vorfahren wahrscheinlich Wikinger waren. Mit der charmanten Mischung von hoher Empfindsamkeit und Sturheit, die an Eigensinn grenzt, einer Portion Ungeduld und einem Gesicht, dem man fast immer ansieht, was ich denke, bulldozere ich mir dann meinen Weg. Jetzt, am Ende der Woche, war es wahrscheinlich die Zusammensetzung beider Teile, der Ruhe meines Mannes und dem Knallgas von mir, was zu ganz anständigen Ergebnissen geführt hat. Noch gehen wir also davon aus, den Zeitplan einhalten zu können.

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Diese Installation bringt immer wieder etwas in mir zum Klingen. Ealy frya fresena!

Schön war in dieser Woche, dass ich hemmungslos viel geschlafen habe. Manchmal kann ich mir das selbst nicht sooo gut gestatten, aber achselzuckenderweise mache ich das dann doch. „Liegen lernen vom Profi“, ein Kurs, den ich jederzeit für Volkshochschulen und Managerseminare anbieten könnte. Schon als kleines Kind war das meine ultimative Vorstellung von Luxus: Entspannt rumliegen, lesen, Musik hören, denken und niemand, der einen stört oder auffordert, den Hühnerstall auszumisten. HERRLICH! In den Ferien klappt das ganz gut. Während der Schulzeit nicht, da arbeite ich als Saisonarbeitskraft mit Vollgas und Überstunden, damit ich in den nächsten Ferien für mich eine Rechtfertigung habe, wieder zu lesen und zu denken und…

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Irgendwo dahinten ist bestimmt gerade eine Grille mit ihrer Geige auf der Suche nach einem Wintequartier und nur der Maulwurf wird ihr helfen.

In dieser Woche habe ich außerdem ganz viel und ganz oft und ganz intensiv über unser zukünftiges Familienmitglied nachgedacht. Es wird vermutlich männlich, sehr groß, hoffentlich lieb, gut ausgebildet und von guter Gesundheit sein. Außerdem wird  er eine tolle Unterkunft an dem Ort finden, wo ich mich selbst auch so Zuhause fühle. Aktuell überlege ich, was wohl das Beste für seinen Rücken und seine Zähne sein wird und wo er seine Freizeit am schönsten verbringen kann. Es kribbelt nämlich sehr und wenn das Haus fertig ist und der Berufswechsel vom Mann uns wieder Nerven geschenkt hat, dann ist die Tür frei für ein Pferd. Die Reitlehrerin ist unterstützend dabei und nach dann fast zwei Jahren Pause als Pferdebesitzerin bin ich auch nicht mehr zu halten. Bis dahin reite ich gerne und so oft es geht auf dem Schulpferd weiter, der mich auch diese Woche wieder brav getragen hat.

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Das wird es nicht, aber ein anderes wird es schon. So viel Vorfreude!

Inzwischen sind einige Menschen auf meinen Schreibstil aufmerksam geworden. Sei es hier im Blog oder durch meine Einträge bei Facebook. Das freut mich sehr und ich fühle mich geschmeichelt. Dabei fühle ich mich immer erinnert an einen Prof. von der Uni, der mich mit Michel Foucaults Macht-Diskursen in Verbindung brachte und ich frage mich dann meist sofort, ob ich mich jetzt geschmeichelt fühlen darf oder nicht. Sagte ich schon mal, dass ich zu Überreflexion neige? Nein, nicht das Schlangenmensch-Zeug, sondern mehr so im Kopf.

Also: Ich habe mich trotzdem gefreut und jetzt zwei Werbetexte für Veranstaltungen geschrieben, auf die ich mich schon sehr freue. Vielleicht entwickelt sich da ja was. Nebenbei habe ich mich gefragt, wie es Menschen schaffen, einen ganzen Roman mit Figuren und Bildern zu entwickeln und das auch noch so gut zu machen, dass andere Leute das lesen. Ich schreibe gerne, ich lese gerne, aber ich habe überhaupt keine Vorstellung davon, wie man einen Langtext so schreibt, dass er lesenswert und durchkomponiert ist. Fällt mir gerade so ein, las ich doch neulich einen Meta-Text zu einem Literaturpreis, in dem sich die Juror*innen über die Belanglosigkeit und Ich-Bezogenheit und den biographischen Stil der jüngeren deutschen Literatur ausließen. Nur mal so am Rande.

Jetzt gibt’s noch ein bisschen Herbstfutter, bevor die Schule mich morgen wieder in ihren Bann zieht.

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Wirklich das beste Olivenöl, das ich kenne. Vom Lehrerfreund aus Wuppertal importiert und für die guten Gelegenheiten genutzt. Heute: Ofengemüse mit Hokkaido, Paprika und Frühlingszwiebeln. Dazu etwas Honig, Soyasauce, Pfeffer und, nicht im Bild, Trockenpflaumen und Knoblauchzehen.
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Alles kleingehackt, mit einer Sauce aus Olivenöl, Honig, zwei Knoblauchzehen und Sojasauce übergossen, 30 min bei 150 ° C Umluft in den Ofen und „mhhhhmmm! Salz muss für uns nicht, da ist ja schon ziemlich viel in der Sojasauce. Dazu haben wir Gurkenquark und Sour Cream gegessen.

Kommt gut in die neue Woche!

Kutschenfahrtraining und Achtung, Flugzeug!

Mit dem Kutschenfahrtraining geht es gut voran. Gestern war ich viele Stunden an der frischen Luft und bin mit meiner Fahrlehrerin durch die Gegend gecruist. Gezogen wurden wir von den braven Stuten, die aber auch wirklich ganz genau merkten, wenn ich die Leinen in die Hand bekam. Sofort wurde die Geschwindigkeit gedrosselt und der „Alles-easy-Gang“ eingelegt. Ich war hochkonzentriert und mit den Fahrleinen beschäftigt, da war kaum noch Platz, die Peitsche richtig einzusetzen und die Pferde anzutreiben. Die Peitsche ersetzt beim Fahren die Sitz- und Schenkelhilfen, die ich beim Reiten sonst mit den Beinen geben kann. Korrekt nach Achenbach gearbeitete Pferde fahren mit Blendklappen. Bei dem Wort weiß ich auch nicht, was ich besser finden soll: Scheuklappen finde ich ungünstig, weil ich keine scheuenden, unkontrollierten Pferde möchte, aber nach der Szene damals in „Slumdog Millionaire“ möchte ich auch keine geblendeten Pferde fahren. Naja. Jedenfalls eine Vokabel, die ich mir gut merken kann. Also, was ich eigentlich sagen will: Wenn die Pferde nur noch vorne gucken können, sehen die ja logischerweise nicht, was hinten passiert. Da die Pferde aber nahezu immer in unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen, muss das langsamere ein bisschen mehr motiviert werden, ohne, dass das schnellere Pferde diese treibende Hilfe mitbekommt und noch eiliger wird. Darum die Blendklappen, darum die Peitsche. Die wird nämlich hinter dem Kammdeckel, jenes Lederstück was einmal rundum den Bauch und Rücken des Pferdes führt, angelegt und soll so das Pferd daran erinnern, ein Brikett mehr in den Ofen zu legen. An dieser Stelle war ich dann aber regelmäßig aus dem Konzept, denn ich muss ja gleichzeitig die Fahrleinen korrekt in der Hand halten und auch bewegen. Da wird die eine Leine über den Handrücken geführt, die andere eingedreht und bei zu langen oder zu kurzen Leinen muss alles Hand-vor-Hand gehen. Das ist alles ganz schön ungewohnt. Ich werde in den kommenden Wochen ganz viel mit den Hundeleinen an der Türklinke üben, bis das sitzt. Vorher geht hier keine Ostfriesin in irgendeine Prüfung!

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Hier seht ihr eine Momentaufnahme des gestrigen Arbeits- und Trainingstages. Wir haben das Boot vom Hafen zum Winterquartier gezogen und sind dann wieder zu den Gästetreffpunkten kutschiert, um Rundfahrten anzubieten. Ich habe das ja schonmal jahrelang gemacht, das war also in vielen Teilen ein sehr heimeliges Gefühl. Gleichzeitig war ich ganz schnell ganz platt, weil „Du büst ja heel nix mehr went“ (du bist ja gar nix mehr gewöhnt). Das Schreibtischtätärätä hinterlässt Konditionsspuren.

Abends haben wir dann noch eine Theorieeinheit durchgezogen, an den braven Ponies „Bock“ und „Böckchen“:

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Wir haben geübt, wann welcher Lederstrang wo und mit welchem Maß ans Pferd kommt, wann und wo die Leinen zusammengebaut werden und wie die verschiedenen Handhaltungen für unterschiedliche Zwecke aussehen. Da merkte ich aber schon, dass, auch wenn nicht ganz lehrbuchkonform, ich im Grunde das Meiste hinbekomme. Jetzt gilt es also, den Feinschliff rein- und die angewöhnten Unarten rauszukriegen.

Ende, Absacker, Bett.

Sehr lange, denn heute haben wir ein sehr gemütlichen Samstag verbracht. Nach einer ganzen Zeit im Bett, bei der ich Großteile des Internets leergelesen habe, haben wir die Räder geschnappt und sind Richtung Italiener aufgebrochen. Der hat sein Restaurant ein gutes Wegstück von uns entfernt und wir haben bei ordentlich Gegenwind eine schöne Radtour gehabt. Ich liebe das Gefühl von Wind am ganzen Körper. Als ich für Studium und Ref. in Gegenden war, wo es weniger Wind gab, ist mir erst aufgefallen, wie wichtig er für mich ist. Klar fahre ich auch lieber mit Rückenwind, aber trotzdem: Am ganzen Körper diesen Drück zu spüren, der mir den Kopf freipustet und mir zeigt, dass er stärker und größer ist als ich, das gefällt mir schon sehr.

Unterwegs habe ich die Knippse in die Gegend gehalten:

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Später haben wir noch eine kleine Tour zum Flugplatz unternommen, wo wir gewarnt wurden:

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Die Flugzeuge fliegen hier tief, also Kopf einziehen. Hab ich gemacht, jedenfalls so halb:

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So schön darf es gerne weitergehen.

Und wie ist der Oktober bei euch?

Hand-vor-Hand

Hui, ist das frisch geworden! Just vor ein paar Minuten kam ich von meiner ersten Kutschenfahrstunde und sitze jetzt bei Tee und Laptop-Akku-Wärme, um die Erlebnisse aufzuschreiben. Seit Jahr und Tag fuhr ich mit der Kutsche durch die Gegend- was hab‘ ich alles falsch gemacht! Nee, Kinners, dat is verloren!

Nun also mal richtig und mit System: Mit dem Leinenspruch rauf auf’s Gefährt, die Peitsche aufnehmen, in die linke Hand zu den Leinen legen, Fahrleinen über den Oberschenkel sortieren, Fußbremse betätigen, Handbremse lösen, Peitsche wieder in die rechte Hand nehmen, aus der Grundhaltung in die Dressurhaltung gehen und anfahren. Die beiden Pferde meiner Fahrlehrerin sind sehr gut gefahrene Tiere, die reagieren auf’s kleinste Bisschen. Dann Kurven fahren, Tempo wechseln, Arme ja nie auf die Knie legen und immer schön die Leinen verkürzen und verlängern nach dem Achenbach’schen System. Wir erinnern uns: Der preußische Feldherr mit Liebe zum Pferd und beamtendeutschen Reglement.

Einmal ins Dorf und zurück, das reicht für einen ersten Muskelkater. Toll ist, dass die Stuten sich wirklich mit ungefähr gar keiner Einwirkung fahren lassen. Nicht so toll ist, dass meine Hände immer noch auf grobmotorisch eingestellt sind und ich mich gewaltig konzentrieren muss, um alles richtig zu machen. Es ist aber eine Freude, wenn es so einfach geht und mein Ehrgeiz, der eigentlich eh nie schläft, ist erneut geweckt, dass ich das zukünftig auch so schön hinbekomme.

Jetzt wärme ich mich auf und dann verlangt die Hundedame ihren täglichen Strandspaziergang. Danach stürze ich mich in die Theorie der „Deutschen Reiterlichen Vereinigung „(FN) (Tut mir leid, aber ich komm über diese Abkürzung echt nicht hinweg.) und ergründe die Tiefen des Fahrsports mit 2-PS-Hafermotor.

Ach, ach, du alter Achenbach!

Als ich noch studierte, und ich kann manchmal nicht fassen, wie irrsinnig schnell sich mein Leben in den letzten vier Jahren von Studierender zu Studienratender gewandelt hat, da habe ich einen Teil meines Studiums mit Kutsche fahren finanziert. Mit zwei starken Kaltbluten bin ich je nach Auftrag vor einen Arbeits-, Plan- oder offenen Wagen getreten, habe eingespannt und dann das transportiert, was der jeweilige Wagen am besten aufnehmen konnte. Kaltblut heißt übrigens nicht, dass die Pferde eine tiefere Körpertemperatur haben, sie sind nur wesentlich gelassener wenn neben ihnen ein Helikopter landet, ein Gast einen Regenschirm aufspannt, eine Schulklasse anfängt zu kreischen oder der Wind mit mehr als acht Stärken Beaufort um die Ohren pfeift. Alles mehrfach empirisch überprüft! Gut, manchmal erinnern sie eher an Statuen als an lauffreudige Zugtiere, aber man kann ja nicht alles sein. Weder die Pferde noch ich.

Eine Lektion, die ich oft gezeigt bekam, wenn ich wieder mal auf dem windigen Bock saß und in die ein oder andere Richtung fuhr, war „Umstände annehmen“. Entweder kam der Wind von hinten oder von vorn, in jede Ritze ist er immer eingedrungen. Dabei habe ich gelernt, dass ich die ganze Zeit auf dem Bock sitzen kann und bibbern und fluchen und noch mehr bibbern oder aber, und das ist ein willentlicher Akt, ich setze mich gerade hin, akzeptiere, wie’s gerade ist und schon fühlt sich das alles gar nicht mehr so kalt an. Und wenn es dann wirklich richtig kalt wurde, bin ich neben den Pferden hergelaufen, das hat uns alle warmgemacht. Annehmen, nachgeben, Haltung haben. Hilft für’s ganze Leben.

Nun ist es aber so, dass der Pferdesport in Deutschland natürlich in Vereinen und Verbänden organisiert ist, wie könnte es auch anders sein. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung wird nicht etwa DRV abgekürzt, nein, da ist man schon ein bisschen kultivierter und nennt sich Fédération Équestre Nationale, was man aber auch nicht FEN abkürzt, sondern, erste hippologische Theorieprüfung bestanden, FN.

Die FN ist also für den Reitsport das, was der Duden für die Rechtschreibung ist: Es gibt zwar noch andere Gesetze, aber was im Duden steht, ist gültig und wenn die FN sagt, dass ich einen Kutschenfahrschein brauche, um Kutsche fahren zu dürfen, dann brauch ich den. Brauchen ja, haben nein. Also absolviere ich derzeit die ersten Theoriestunden für den Kutschenfahrschein. Wir sitzen mit sechs Schülerinnen und Schülern vor der Fahrlehrerin, die uns in die Geheimnisse der Geschirrkunde einweist. Nein, das hat nichts mit Knigge und Rangordnung zu tun, wo das Dessertschälchen zu stehen hat, sondern es geht um die verschiedenen Geschirre, die Pferden aufgelegt werden können. Da fallen dann so schöne Begriffe wie „Oberblattstößel“ oder „Leinenführungsring“ oder auch „Zugstranghalteriemen“. Heute Abend werde ich wieder abgefragt, darum schreibe ich das gerade.

Der andere Teil des Unterrichts beschäftigt sich derzeit mit der korrekten Leinenaufnahme, entwickelt und in die Regelwerke etabliert von Herrn Benno von Achenbach. Praktischerweise hat er das ganze Zeug auch gleich nach sich selbst benannt. Das ist in etwa so, wie bei den Grimm’schen Märchen. Die haben sich auch zu den Großmütterchen gesetzt, ihnen zugehört, die Märchen niedergeschrieben  und dann unter ihrem Namen veröffentlicht. So ähnlich stelle ich mir das auch bei Herrn Achenbach vor. Fährt mit der Postkutsche von Ort zu Ort, begutachtet, was auf den preußischen Äckern so los war und schrieb das auf. Kleine Modifikation und noch knapp hundert Jahre später wird die Ostfriesin im Herbst 2016 nach seinem Namen lernen, die Leinen zu verschnallen und aufzunehmen. Mit korrektem Längenmaß, was sich an der Hosennaht des rechten Oberschenkels orientiert. Jaha, da freut sie sich, die Ostfriesin!

Also, ich lerne jetzt noch ein bisschen und irgendwann in den kommenden Monaten bin ich dann hoffentlich auch endlich offiziell Gespannführerin.

Was bisher geschah, 03.10.2016

Liebe Leute,

ICH.HATTE.KEINE.LUST.ZU.SCHREIBEN.

In den vergangenen 17-blogartikelfreien Tagen ist so viel passiert, dass ich schlicht keine Muße mehr hatte, einen Eintrag darüber zu verfassen. Natürlich saß da schon so ein kleines Monsterchen auf meiner Schulter, das mir ins Ohr flüsterte:„Regelmäßig bloggen bringt Leserschaft!“, „Du musst deine Gedanken doch auch loswerden!“, „Fotografiert hast du auch schon lange nicht mehr!“, „Warum fängst du hochmotiviert an, mich zu schreiben und lässt mich dann eiskalt links liegen? Bin ich ne Ananas-Diät oder was?“ und „Denk mal über Suchmaschinenoptimierung nach! Und Cookies! Kekse sind alles!“

Tja, gedacht, gehört, liegengelassen. Die Toten-Stellung aus dem Yoga direkt transferiert und eingenommen.

Aber, falls das jemand wissen möchte, so ging es nach unserem Synapsenhoch-leistungstraining weiter: Die Baustelle ist nach wie vor eine. Bei den meisten Handwerkern hatten wir Glück, aber irgendwas ist ja immer, darum ist ob fehlender Gummirohr-Abroll-Halterung die Fußbodenheizung noch nicht verlegt und ob mangelnder Arbeitszeitorganisation der Fliesenleger noch nicht bestellt. Außerdem fehlen noch die Maurer, die die Löcher der alten Heizkörper zumauern und der Schornsteinfeger hat uns ein dreiseitiges Aufgabenheft mitgegeben, was wir für den wasserführenden Kaminofen noch brauchen. Plus ungebetenen Ratschlag, dass das ja vielleicht nicht ganz klug von uns überlegt sei. „Doch, mein kleiner Freund, isses. Aber eben anders, als du denkst.“

Meine Sprachlernklasse ist super. Bei allen Pubertätshormonen und Rumgezappel ist die Truppe doch immer noch MEINE KLASSE. In ganz Ostfriesland wird gestöhnt, weil das ja so viel Arbeit macht und die verstehen doch nix und dann haben wir gar kein Material und außerdem fehlt der Einsatz der Schulleitung und die hauen sich gegenseitig und wenn die traumatisiert sind und ich sprech doch gar kein, Achtung, „syrisch“ und was-sollen-wir-denn-noch-alles-machen und früher-war-alles-besser und dafür-bin-ich-nicht-ausgebildet und die-haben-doch-nix undsoweiterundsofort. In ganz Ostfriesland? Nein, an einer Schule unterrichtet Frau Ostfriesin mit Leidenschaft und sieht: Die wollen und können bald auch und bis dahin behelfen wir uns mit Hand und Fuß und der Eine erzählt ganz stolz, dass sein Papa schon B1-Niveau kann und jetzt den Führerschein geschafft hat, in der Theorie sogar mit Null Fehlern und dass er jetzt Arbeit gefunden hat und die Andere erzählt, dass sie so gerne schwimmen lernen möchte und außerdem wollen sie wissen, wie das nochmal funktioniert mit der Demokratie und ob wirklich Männer und Männer und Frauen und Frauen heiraten können, weil, in ihrem Land ist das „Haram“, aber ist ja schön, wenn hier Frieden ist und das sagen sie auch ihren Verwandten, die noch in den Kriegsgebieten leben und dann schweigen wir alle kurz und gucken uns an und atmen tief und sagen:„Wenn mein Land wieder Frieden hat, dann will ich zurück und es wieder aufbauen und dann muss ich was können, also will ich lernen!“ und dann ist da die Eine, 10 Jahre nur gelebt, aber kein Input und kaum ist die ein Jahr in der Schule, schon kann sie lesen und schreiben und Fragen stellen und an den richtigen Stellen mit den Augen rollen, weil sie nämlich jetzt auch ironisch kann und dann, ja dann hat die Frau Ostfriesin auch noch Geburtstag, was sie aber nicht gesagt hat, die olle Kuh, darum machen wir erst einen Tag später Kuchenparty, dafür aber fünf Stück und alle selbstgebacken und dann ist es auch gar nicht mehr schlimm, wenn der Eine vor dem Bio-Test ein bisschen Muffensausen hat, denn er hat einfach noch nicht alle Vokabeln gelernt. „Pansen, Labmagen, Wiederkäuer, Huftier…“ schallt es durch den Raum und auf der anderen Seite wird gerade Mathe gepaukt. Denn: „Frau Ostfriesin, kann ich die Mathe, nur Dezimalkomma kann ich nich. Helfen Sie?“ Oh nein, mein liebes Kind, da bist du an der falschen Adresse, aber ich ruf mal im Flüchtlingshilfeverein an, vielleicht kann dir jemand Nachhilfe geben…

Und Familienwunsch. Und Früh-Abort-Trauer. Und Gespräche. Und Arzttermine. Und plötzlich Klarheit: Kinderwunschbehandlung fällt aus wegen: „Ich will mich nicht pathologisieren lassen!“ und Verhütung fällt aus wegen: „In zehn Jahren will ich nicht denken, dass es vielleicht doch geklappt hätte.“ und auf einmal ist da ganz viel Kraft und Schönheit und der sichere Gedanke, dass ich mit niemandem sonst, außer mit meinem großartigem Ehemann über diese Dinge nachdenken will. Und das es verdammt noch mal ein riesiges Glück ist, dass wir uns haben dürfen und das wiegt so schwer und so tief in den Seelen, dass der Himmel voller Geigen hängt und wir vor lauter Kuscheligkeit die Welt um uns vergessen und dann ist da noch das Lieblingstier, dass nach einer Schwächephase wieder auflebt und mit ihren Ohren, Augen, Körper so vielseitig mit uns kommuniziert und das ist dann das ganz große Glück!