Was bisher geschah, 03.10.2016

Liebe Leute,

ICH.HATTE.KEINE.LUST.ZU.SCHREIBEN.

In den vergangenen 17-blogartikelfreien Tagen ist so viel passiert, dass ich schlicht keine Muße mehr hatte, einen Eintrag darüber zu verfassen. Natürlich saß da schon so ein kleines Monsterchen auf meiner Schulter, das mir ins Ohr flüsterte:„Regelmäßig bloggen bringt Leserschaft!“, „Du musst deine Gedanken doch auch loswerden!“, „Fotografiert hast du auch schon lange nicht mehr!“, „Warum fängst du hochmotiviert an, mich zu schreiben und lässt mich dann eiskalt links liegen? Bin ich ne Ananas-Diät oder was?“ und „Denk mal über Suchmaschinenoptimierung nach! Und Cookies! Kekse sind alles!“

Tja, gedacht, gehört, liegengelassen. Die Toten-Stellung aus dem Yoga direkt transferiert und eingenommen.

Aber, falls das jemand wissen möchte, so ging es nach unserem Synapsenhoch-leistungstraining weiter: Die Baustelle ist nach wie vor eine. Bei den meisten Handwerkern hatten wir Glück, aber irgendwas ist ja immer, darum ist ob fehlender Gummirohr-Abroll-Halterung die Fußbodenheizung noch nicht verlegt und ob mangelnder Arbeitszeitorganisation der Fliesenleger noch nicht bestellt. Außerdem fehlen noch die Maurer, die die Löcher der alten Heizkörper zumauern und der Schornsteinfeger hat uns ein dreiseitiges Aufgabenheft mitgegeben, was wir für den wasserführenden Kaminofen noch brauchen. Plus ungebetenen Ratschlag, dass das ja vielleicht nicht ganz klug von uns überlegt sei. „Doch, mein kleiner Freund, isses. Aber eben anders, als du denkst.“

Meine Sprachlernklasse ist super. Bei allen Pubertätshormonen und Rumgezappel ist die Truppe doch immer noch MEINE KLASSE. In ganz Ostfriesland wird gestöhnt, weil das ja so viel Arbeit macht und die verstehen doch nix und dann haben wir gar kein Material und außerdem fehlt der Einsatz der Schulleitung und die hauen sich gegenseitig und wenn die traumatisiert sind und ich sprech doch gar kein, Achtung, „syrisch“ und was-sollen-wir-denn-noch-alles-machen und früher-war-alles-besser und dafür-bin-ich-nicht-ausgebildet und die-haben-doch-nix undsoweiterundsofort. In ganz Ostfriesland? Nein, an einer Schule unterrichtet Frau Ostfriesin mit Leidenschaft und sieht: Die wollen und können bald auch und bis dahin behelfen wir uns mit Hand und Fuß und der Eine erzählt ganz stolz, dass sein Papa schon B1-Niveau kann und jetzt den Führerschein geschafft hat, in der Theorie sogar mit Null Fehlern und dass er jetzt Arbeit gefunden hat und die Andere erzählt, dass sie so gerne schwimmen lernen möchte und außerdem wollen sie wissen, wie das nochmal funktioniert mit der Demokratie und ob wirklich Männer und Männer und Frauen und Frauen heiraten können, weil, in ihrem Land ist das „Haram“, aber ist ja schön, wenn hier Frieden ist und das sagen sie auch ihren Verwandten, die noch in den Kriegsgebieten leben und dann schweigen wir alle kurz und gucken uns an und atmen tief und sagen:„Wenn mein Land wieder Frieden hat, dann will ich zurück und es wieder aufbauen und dann muss ich was können, also will ich lernen!“ und dann ist da die Eine, 10 Jahre nur gelebt, aber kein Input und kaum ist die ein Jahr in der Schule, schon kann sie lesen und schreiben und Fragen stellen und an den richtigen Stellen mit den Augen rollen, weil sie nämlich jetzt auch ironisch kann und dann, ja dann hat die Frau Ostfriesin auch noch Geburtstag, was sie aber nicht gesagt hat, die olle Kuh, darum machen wir erst einen Tag später Kuchenparty, dafür aber fünf Stück und alle selbstgebacken und dann ist es auch gar nicht mehr schlimm, wenn der Eine vor dem Bio-Test ein bisschen Muffensausen hat, denn er hat einfach noch nicht alle Vokabeln gelernt. „Pansen, Labmagen, Wiederkäuer, Huftier…“ schallt es durch den Raum und auf der anderen Seite wird gerade Mathe gepaukt. Denn: „Frau Ostfriesin, kann ich die Mathe, nur Dezimalkomma kann ich nich. Helfen Sie?“ Oh nein, mein liebes Kind, da bist du an der falschen Adresse, aber ich ruf mal im Flüchtlingshilfeverein an, vielleicht kann dir jemand Nachhilfe geben…

Und Familienwunsch. Und Früh-Abort-Trauer. Und Gespräche. Und Arzttermine. Und plötzlich Klarheit: Kinderwunschbehandlung fällt aus wegen: „Ich will mich nicht pathologisieren lassen!“ und Verhütung fällt aus wegen: „In zehn Jahren will ich nicht denken, dass es vielleicht doch geklappt hätte.“ und auf einmal ist da ganz viel Kraft und Schönheit und der sichere Gedanke, dass ich mit niemandem sonst, außer mit meinem großartigem Ehemann über diese Dinge nachdenken will. Und das es verdammt noch mal ein riesiges Glück ist, dass wir uns haben dürfen und das wiegt so schwer und so tief in den Seelen, dass der Himmel voller Geigen hängt und wir vor lauter Kuscheligkeit die Welt um uns vergessen und dann ist da noch das Lieblingstier, dass nach einer Schwächephase wieder auflebt und mit ihren Ohren, Augen, Körper so vielseitig mit uns kommuniziert und das ist dann das ganz große Glück!

3 Gedanken zu “Was bisher geschah, 03.10.2016

  1. unserlebenmitemily 4. Oktober 2016 / 10:20

    wow, da ist sehr viel passiert bei dir. Ich finde es toll, dass Du als Lehrerin arbeitest, lass die Leute ruhig reden…. reden tun sie eh immer, über jeden und alles.😉 Wir haben übrigens auch 7 Jahre auf unsere Maus gewartet, und plötzlich war sie da… niemals die Hoffnung aufgeben.

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    • Postfriesin 4. Oktober 2016 / 10:36

      Danke für die aufmunternden Worte!
      Ja, ich mag meine Arbeit auch, aber es ist manchmal ein bisschen viel. Darum freue ich mich gerade über die Herbstferien und tanke Energie, damit es bald in alter Frische weitergehen kann.

      Mein Opa hat früher immer gesagt: “ Kummt aal, as dat mutt.“ (Kommt alles wie es muss) und diesen Pille-Palle-Satz sage ich mir jetzt auch manchmal und er ist tatsächlich beruhigend.
      Komm gut in die Woche!

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  2. blogbellona 7. Oktober 2016 / 14:12

    es kommt wirklich „aal, as dat mutt“. und dieser pillepalle-satz ist gar nicht so pillepalle. er ist ganz schön wichtig, wenn man sich ihn wirklich zu herzen nimmt. er tut gut. er befreit.

    es tut mir leid, dass ich von einem früh-abort lesen muss. es ist egal, wann es passiert, es tut weh. und trotzdem weiß man: es geht immer noch schlimmer. das macht einen traurig, aber es besänftigt einen auch. meine freundin, die in der 20. woche ihr kind verlor, sagte das neulich und ich bewundere sie dafür.

    alles gute euch, ich finde eure entscheidungen zu eurem gemeinsamen leben sehr gesund. ich hätte sie auch so getroffen.

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