Ach, ach, du alter Achenbach!

Als ich noch studierte, und ich kann manchmal nicht fassen, wie irrsinnig schnell sich mein Leben in den letzten vier Jahren von Studierender zu Studienratender gewandelt hat, da habe ich einen Teil meines Studiums mit Kutsche fahren finanziert. Mit zwei starken Kaltbluten bin ich je nach Auftrag vor einen Arbeits-, Plan- oder offenen Wagen getreten, habe eingespannt und dann das transportiert, was der jeweilige Wagen am besten aufnehmen konnte. Kaltblut heißt übrigens nicht, dass die Pferde eine tiefere Körpertemperatur haben, sie sind nur wesentlich gelassener wenn neben ihnen ein Helikopter landet, ein Gast einen Regenschirm aufspannt, eine Schulklasse anfängt zu kreischen oder der Wind mit mehr als acht Stärken Beaufort um die Ohren pfeift. Alles mehrfach empirisch überprüft! Gut, manchmal erinnern sie eher an Statuen als an lauffreudige Zugtiere, aber man kann ja nicht alles sein. Weder die Pferde noch ich.

Eine Lektion, die ich oft gezeigt bekam, wenn ich wieder mal auf dem windigen Bock saß und in die ein oder andere Richtung fuhr, war „Umstände annehmen“. Entweder kam der Wind von hinten oder von vorn, in jede Ritze ist er immer eingedrungen. Dabei habe ich gelernt, dass ich die ganze Zeit auf dem Bock sitzen kann und bibbern und fluchen und noch mehr bibbern oder aber, und das ist ein willentlicher Akt, ich setze mich gerade hin, akzeptiere, wie’s gerade ist und schon fühlt sich das alles gar nicht mehr so kalt an. Und wenn es dann wirklich richtig kalt wurde, bin ich neben den Pferden hergelaufen, das hat uns alle warmgemacht. Annehmen, nachgeben, Haltung haben. Hilft für’s ganze Leben.

Nun ist es aber so, dass der Pferdesport in Deutschland natürlich in Vereinen und Verbänden organisiert ist, wie könnte es auch anders sein. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung wird nicht etwa DRV abgekürzt, nein, da ist man schon ein bisschen kultivierter und nennt sich Fédération Équestre Nationale, was man aber auch nicht FEN abkürzt, sondern, erste hippologische Theorieprüfung bestanden, FN.

Die FN ist also für den Reitsport das, was der Duden für die Rechtschreibung ist: Es gibt zwar noch andere Gesetze, aber was im Duden steht, ist gültig und wenn die FN sagt, dass ich einen Kutschenfahrschein brauche, um Kutsche fahren zu dürfen, dann brauch ich den. Brauchen ja, haben nein. Also absolviere ich derzeit die ersten Theoriestunden für den Kutschenfahrschein. Wir sitzen mit sechs Schülerinnen und Schülern vor der Fahrlehrerin, die uns in die Geheimnisse der Geschirrkunde einweist. Nein, das hat nichts mit Knigge und Rangordnung zu tun, wo das Dessertschälchen zu stehen hat, sondern es geht um die verschiedenen Geschirre, die Pferden aufgelegt werden können. Da fallen dann so schöne Begriffe wie „Oberblattstößel“ oder „Leinenführungsring“ oder auch „Zugstranghalteriemen“. Heute Abend werde ich wieder abgefragt, darum schreibe ich das gerade.

Der andere Teil des Unterrichts beschäftigt sich derzeit mit der korrekten Leinenaufnahme, entwickelt und in die Regelwerke etabliert von Herrn Benno von Achenbach. Praktischerweise hat er das ganze Zeug auch gleich nach sich selbst benannt. Das ist in etwa so, wie bei den Grimm’schen Märchen. Die haben sich auch zu den Großmütterchen gesetzt, ihnen zugehört, die Märchen niedergeschrieben  und dann unter ihrem Namen veröffentlicht. So ähnlich stelle ich mir das auch bei Herrn Achenbach vor. Fährt mit der Postkutsche von Ort zu Ort, begutachtet, was auf den preußischen Äckern so los war und schrieb das auf. Kleine Modifikation und noch knapp hundert Jahre später wird die Ostfriesin im Herbst 2016 nach seinem Namen lernen, die Leinen zu verschnallen und aufzunehmen. Mit korrektem Längenmaß, was sich an der Hosennaht des rechten Oberschenkels orientiert. Jaha, da freut sie sich, die Ostfriesin!

Also, ich lerne jetzt noch ein bisschen und irgendwann in den kommenden Monaten bin ich dann hoffentlich auch endlich offiziell Gespannführerin.

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