Sprache ja, Worte nein

In meiner Familie wird viel gesprochen. Manchmal wird auch gesprochen, ohne das der Mund sich bewegt. Uns Norddeutschen wird ja gelegentlich nachgesagt, dass wir schweigsam seien. Das konnte ich bisher noch nie für meine Familie oder mich verbuchen, aber je länger ich wieder in Ostfriesland bin (wir erinnern uns, da gab es eine längere Buten-Ostfreesland-Tied wegen Studium und Welt entdecken), desto mehr fällt mir das Schweigen auf.

Ich brauche unsere Sprache wie andere Leute Wasser. Also, das brauche ich auch, aber ich liebe Sprache. Ich denke in Sprache, ich fühle in Sprache, ich konsumiere Sprache, ich produziere Sprache, mein Kopf ist manchmal ganz durcheinander von so viel Sprache und damit ich das sortiert bekomme, nutze ich Sprache. Ich spreche mit allem und jedem um mich rum. Mit der Stimme, mit meinem Körper und mit meinen Gefühlen und Gedanken. Genauso reagiere ich auch auf Sprache von anderen. Sprache ist sozusagen DAS DING für mich.

IMG_5501

Es gibt aber die Momente, in denen fühle ich mich ganz verstrickt in Unaugesprochenem und Nicht-Eindeutigem. Das passiert in den letzten Wochen und Monaten immer häufiger, gerade, wenn ich mit Familienangehörigen spreche.

Das Studium und mein Beruf haben mich verändert. Das habe ich mir auch so gewünscht, war ich doch angetrieben von einem „da gibt’s noch mehr“. Als ich noch Schülerin war, wollte ich unbedingt an die Uni. Das ist für mich furchtbar weit weg gewesen, die nächste Uni war von meinem Heimatdorf über 130 km entfernt und damit hätte sie auch genauso gut in einem anderen Land stehen können. Meine Kindheit und Jugend waren von Draußensein und Landwirtschaft und Traditionen geprägt. Bücher, Zeitschriften, Musik, Geschmacksrichtungen – das war schon alles eher eingeschränkt. Das erste Mal über Homosexuelle zu sprechen war in den frühen Nullerjahren möglich. Über die Einteilung von Arbeitsphasen in männlich-weiblich musste auch nicht gesprochen werden, weil: war ja klar, wer was wann macht.

Ist es das?

Diese Welt, in der ich groß geworden bin, vermisse ich manchmal. Sie gab mir Regeln und Klarheit und fragte nicht dauernd „Warum machst du das so? Könntest du es nicht auch anders machen?“ oder „Warum hast du diese Einstellung? Gibt es nicht Alternativen dazu?“ Genaugenommen fragt das bis heute kaum jemand und wenn, dann gibt es keine Antwort. Dort, an der Stelle, beginnt das Schweigen.

IMG_5533

Das Bild ist da, aber der Ton ist weg. Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Warum fragt sie so kompliziert, warum krieg ich keine Antworten? Warum muss sie in so vielen Töpfen rühren, war doch gut so, wie es war. Nein, war und ist es nicht. Es gibt „Mehr“. „Mehr“ ist super! Aufregend, spannend, komplex, bereichernd, verwirrend, erklärend, erneuernd, erkennend.

Ich fahre von den Begegnungen mit ganz gemischten Gefühlen davon.

Es ist so schön, auf vertraute Heimat zu treffen und ich fühle mich so tief verwurzelt.

Es macht mir Knoten in den Magen, wenn ich nicht aussprechen kann, was ich denke, weil ich den Eindruck habe, damit über Grenzen zu treten. Schweigen.

Alle sind Quadrate, ich bin ein Parallelogramm.

Gespräche über Themen, die mich nicht berühren, Schweigen über das, was mich beschäftigt. Der Wunsch, das zu erhalten, was wie eine Fackel aus meiner Kindheit in mir brennt und mir Kraft gibt, trifft auf Widerstand in dem Wunsch, die unklaren, unausgegorenen, unfairen Mechanismen ans Licht zu holen und neu zu ordnen. Und mir fehlen die Ohren und die Worte dazu.

Noch.

Winterschlaf

Hallo Welt!

Hier meldet sich die Ostfriesin, ich weiß, du hast lange nichts von mir gehört. Verzeih, bitte!

Wie das kam? Das kam so:

Vergangenes Jahr, so um Ostern, haben der Mann und ich beschlossen, ein Haus zu kaufen. Das haben wir dann auch direkt mal gemacht und damit kam viel Schönes und Anstrengendes auf uns zu. Wir haben uns für Heizungszeug, Fußböden, Türen, Fenster, Küche, Bäder, Farben, Tapeten und Bodenbeläge entschieden, die passenden Handwerker dazu gesucht, viel über Estrich gelernt (bitte keine Nachfragen dazu, ich werd jetzt noch nervös, wenn ich nur an die Trocknungszeit denke) und zwischen Arbeit, Fernbeziehung und Bauaufsicht versucht, uns nicht aus den Augen zu verlieren.

Inzwischen leben wir aber in diesem Häuschen und freuen uns jeden Tag, wie schön es geworden ist. Morgens mache ich die Augen auf und denke: Boah, schön hier. Der zweite Gedanke ist dann: Haste dir ja selbst ausgesucht. Das ist ziemlich cool!

Dann hat der Insulaner sich beruflich verändert und wir können nach Äonen von Fernbeziehung endlich zusammenleben. Das ist ja so toll! Ich weiß jetzt, warum die meisten mit dem Modell „Wochenendliebe“ hadern. Naja, und das mussten und müssen wir ja auch erstmal ausgiebig genießen. Also wieder nix mit Blog und so.

Tja, plötzlich stand dann die Fahrprüfung vor der Tür und was soll ich sagen? Deutschland hat jetzt eine offiziell anerkannte Kutscherin mehr. Wir verbrachten ein Wochenende auf dem Ponyhof und cruisten von dort zur Generalprobe und zum Prüfungsgelände. Das ist im Winter und mit Baudruck (ESTRICH!!) jetzt auch nicht soooo entspannend, welch Überraschung.

Aufeinmal wurde es mitten im Winter hell um uns, das lag aber nicht am Klimawandel, sondern an Weihnachten und den Lichterketten. Wieder nix mit Bloggen, Besinnlichkeit und Durchatmen und an Silvester dem armen Hund beistehen. Silversterknaller schön und gut, aber müssen die gleich eine Woche durchballern? Die Punktedame hat ganz schön gelitten und wir mit ihr.

IMG_5796

Neues Jahr, neues Glück, kein Blog. Weil? Weil!

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ich habe das große Glück, an vielen Lebensentwürfen teilnehmen zu dürfen. Kinder und Jugendliche sind inspirierend und dass ich beruflich Zeit mit ihnen verbringen darf, macht mich stolz und froh. Aber, ja auch hier ein aber, es zerrt auch wirklich an den Nerven, immer um die bestmögliche Lösung zu ringen. Mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Kolleginnen und Kollegen, mit Erlassen, Konzepten und Richtlinien. Das reibt mich manchmal ganz schön auf. So sehr, dass ich dann erstmal Komaschlafen muss, damit meine Synapsen sich wieder sortieren können. Was tue ich dann nicht? Richtig. Bloggen.

Und warum, liebe Ostfriesin, willst du das jetzt wieder ändern?

Weil ich Lust drauf habe! Die Tage werden wieder länger, die Kamera ist frisch poliert, meine Nerven schreien nach Beschäftigung und die Schule kann mich ja nicht immer haben. Nun versuche ich erneut mein Glück und würde mich sehr, sehr freuen, wenn ihr mit dabei seid!

Immer eine Handbreit Wasser unter’m Kiel wünscht

die Ostfriesin

IMG_5858