Sprache ja, Worte nein

In meiner Familie wird viel gesprochen. Manchmal wird auch gesprochen, ohne das der Mund sich bewegt. Uns Norddeutschen wird ja gelegentlich nachgesagt, dass wir schweigsam seien. Das konnte ich bisher noch nie für meine Familie oder mich verbuchen, aber je länger ich wieder in Ostfriesland bin (wir erinnern uns, da gab es eine längere Buten-Ostfreesland-Tied wegen Studium und Welt entdecken), desto mehr fällt mir das Schweigen auf.

Ich brauche unsere Sprache wie andere Leute Wasser. Also, das brauche ich auch, aber ich liebe Sprache. Ich denke in Sprache, ich fühle in Sprache, ich konsumiere Sprache, ich produziere Sprache, mein Kopf ist manchmal ganz durcheinander von so viel Sprache und damit ich das sortiert bekomme, nutze ich Sprache. Ich spreche mit allem und jedem um mich rum. Mit der Stimme, mit meinem Körper und mit meinen Gefühlen und Gedanken. Genauso reagiere ich auch auf Sprache von anderen. Sprache ist sozusagen DAS DING für mich.

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Es gibt aber die Momente, in denen fühle ich mich ganz verstrickt in Unaugesprochenem und Nicht-Eindeutigem. Das passiert in den letzten Wochen und Monaten immer häufiger, gerade, wenn ich mit Familienangehörigen spreche.

Das Studium und mein Beruf haben mich verändert. Das habe ich mir auch so gewünscht, war ich doch angetrieben von einem „da gibt’s noch mehr“. Als ich noch Schülerin war, wollte ich unbedingt an die Uni. Das ist für mich furchtbar weit weg gewesen, die nächste Uni war von meinem Heimatdorf über 130 km entfernt und damit hätte sie auch genauso gut in einem anderen Land stehen können. Meine Kindheit und Jugend waren von Draußensein und Landwirtschaft und Traditionen geprägt. Bücher, Zeitschriften, Musik, Geschmacksrichtungen – das war schon alles eher eingeschränkt. Das erste Mal über Homosexuelle zu sprechen war in den frühen Nullerjahren möglich. Über die Einteilung von Arbeitsphasen in männlich-weiblich musste auch nicht gesprochen werden, weil: war ja klar, wer was wann macht.

Ist es das?

Diese Welt, in der ich groß geworden bin, vermisse ich manchmal. Sie gab mir Regeln und Klarheit und fragte nicht dauernd „Warum machst du das so? Könntest du es nicht auch anders machen?“ oder „Warum hast du diese Einstellung? Gibt es nicht Alternativen dazu?“ Genaugenommen fragt das bis heute kaum jemand und wenn, dann gibt es keine Antwort. Dort, an der Stelle, beginnt das Schweigen.

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Das Bild ist da, aber der Ton ist weg. Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Warum fragt sie so kompliziert, warum krieg ich keine Antworten? Warum muss sie in so vielen Töpfen rühren, war doch gut so, wie es war. Nein, war und ist es nicht. Es gibt „Mehr“. „Mehr“ ist super! Aufregend, spannend, komplex, bereichernd, verwirrend, erklärend, erneuernd, erkennend.

Ich fahre von den Begegnungen mit ganz gemischten Gefühlen davon.

Es ist so schön, auf vertraute Heimat zu treffen und ich fühle mich so tief verwurzelt.

Es macht mir Knoten in den Magen, wenn ich nicht aussprechen kann, was ich denke, weil ich den Eindruck habe, damit über Grenzen zu treten. Schweigen.

Alle sind Quadrate, ich bin ein Parallelogramm.

Gespräche über Themen, die mich nicht berühren, Schweigen über das, was mich beschäftigt. Der Wunsch, das zu erhalten, was wie eine Fackel aus meiner Kindheit in mir brennt und mir Kraft gibt, trifft auf Widerstand in dem Wunsch, die unklaren, unausgegorenen, unfairen Mechanismen ans Licht zu holen und neu zu ordnen. Und mir fehlen die Ohren und die Worte dazu.

Noch.

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