ABM: Arbeit, blauer März

Da isser nun, der Frühling. So richtig echt mit Narzissen, Tulpen und Ranunkeln. Die Vögel zwitschern es raus, unserem Haus gegenüber wohnt eine Amsel, die über den Winter sehr viel geübt hat und nun von früh bis spät ihrem Herzen Luft macht. Der Hund kullert im Garten und bittet darum, die Decke in die Sonne gelegt zu bekommen. Der Insulaner trägt kurze Hosen in der Mittagszeit und streicht ein wenig herum.

Derweil: Ich arbeite. Viel. Neben dem Unterricht, der grundsätzlich mal gar nicht zu unterschätzen ist, gab es im März einen plattdeutschen Vorlesewettbewerb, eine Theateraufführung meiner DaZ-Knirpse, Konferenzen ohne Ende, Informationstage für Eltern hoffentlich kommender Schüler, Konferenzen, Dienstversammlungen und Fortbildungen, dazu Arbeitskreise und Konferenzen. Jetzt noch schnell eine Deutscharbeit zum Korrigieren mit in die Osterferien nehmen, dort noch eben einen Haufen Bilder bewerten, dann das Schuljahresende planen (vier Wochen! Dann müssen schon alle Noten stehen!) und zack, ist die Energie futsch.

Am Abend liege ich im Bett und frage den Mann, warum ich eigentlich so k.o. bin. Bekomme einen Vortrag, der den inneren Schröder’schen-„Lehrer sind alle faule Säcke“-Schweinehund an die Kette legt.

Kann nicht schlafen. Ein Gedankenwurm kriecht über die Bettdecke: Wie soll ich denn meinen Inklusionskindern einerseits und den sehr begabten Kindern andererseits gleichzeitig Gotffried Kellers Nebensätze dritter Ordnung erklären? Und sie auch noch für die Schönheit dieser Satzkonstrukte begeistern? Dann spackt der Kollege wieder rum, weil er angeblich eine Information nicht rechtzeitig erhalten hat. Bin ich darum ne miese Kollegin, weil ich ihm nicht als allererstes informiert habe? Müssen Orchideenfach-Kollegen zusammenhalten? Der unbegleitete minderjährige Flüchtling, der im vergangenen Jahr einfach nicht in die Klasse reingewachsen ist, ist abgängig. Wie kann das Jugendamt so ein Behördendeutsch für einen verschwundenen Jugendlichen einsetzen? Wahrscheinlich kann man nur so denken, sonst nimmt das Chaos überhand. Hab ich eigentlich meinen Beitrag zum Geschenk für die schwangere Kollegin schon bezahlt? Das Elterngespräch vorgestern lief ja nicht so gut, wie das Kind das wohl wegsteckt?

Müde. Ferien. Bald. Wie sagte neulich jemand: Ich werde so dermaßen eskalieren, ich brauche danach bestimmt neue Hausschuhe.

Sprache ja, Worte nein

In meiner Familie wird viel gesprochen. Manchmal wird auch gesprochen, ohne das der Mund sich bewegt. Uns Norddeutschen wird ja gelegentlich nachgesagt, dass wir schweigsam seien. Das konnte ich bisher noch nie für meine Familie oder mich verbuchen, aber je länger ich wieder in Ostfriesland bin (wir erinnern uns, da gab es eine längere Buten-Ostfreesland-Tied wegen Studium und Welt entdecken), desto mehr fällt mir das Schweigen auf.

Ich brauche unsere Sprache wie andere Leute Wasser. Also, das brauche ich auch, aber ich liebe Sprache. Ich denke in Sprache, ich fühle in Sprache, ich konsumiere Sprache, ich produziere Sprache, mein Kopf ist manchmal ganz durcheinander von so viel Sprache und damit ich das sortiert bekomme, nutze ich Sprache. Ich spreche mit allem und jedem um mich rum. Mit der Stimme, mit meinem Körper und mit meinen Gefühlen und Gedanken. Genauso reagiere ich auch auf Sprache von anderen. Sprache ist sozusagen DAS DING für mich.

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Es gibt aber die Momente, in denen fühle ich mich ganz verstrickt in Unaugesprochenem und Nicht-Eindeutigem. Das passiert in den letzten Wochen und Monaten immer häufiger, gerade, wenn ich mit Familienangehörigen spreche.

Das Studium und mein Beruf haben mich verändert. Das habe ich mir auch so gewünscht, war ich doch angetrieben von einem „da gibt’s noch mehr“. Als ich noch Schülerin war, wollte ich unbedingt an die Uni. Das ist für mich furchtbar weit weg gewesen, die nächste Uni war von meinem Heimatdorf über 130 km entfernt und damit hätte sie auch genauso gut in einem anderen Land stehen können. Meine Kindheit und Jugend waren von Draußensein und Landwirtschaft und Traditionen geprägt. Bücher, Zeitschriften, Musik, Geschmacksrichtungen – das war schon alles eher eingeschränkt. Das erste Mal über Homosexuelle zu sprechen war in den frühen Nullerjahren möglich. Über die Einteilung von Arbeitsphasen in männlich-weiblich musste auch nicht gesprochen werden, weil: war ja klar, wer was wann macht.

Ist es das?

Diese Welt, in der ich groß geworden bin, vermisse ich manchmal. Sie gab mir Regeln und Klarheit und fragte nicht dauernd „Warum machst du das so? Könntest du es nicht auch anders machen?“ oder „Warum hast du diese Einstellung? Gibt es nicht Alternativen dazu?“ Genaugenommen fragt das bis heute kaum jemand und wenn, dann gibt es keine Antwort. Dort, an der Stelle, beginnt das Schweigen.

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Das Bild ist da, aber der Ton ist weg. Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Warum fragt sie so kompliziert, warum krieg ich keine Antworten? Warum muss sie in so vielen Töpfen rühren, war doch gut so, wie es war. Nein, war und ist es nicht. Es gibt „Mehr“. „Mehr“ ist super! Aufregend, spannend, komplex, bereichernd, verwirrend, erklärend, erneuernd, erkennend.

Ich fahre von den Begegnungen mit ganz gemischten Gefühlen davon.

Es ist so schön, auf vertraute Heimat zu treffen und ich fühle mich so tief verwurzelt.

Es macht mir Knoten in den Magen, wenn ich nicht aussprechen kann, was ich denke, weil ich den Eindruck habe, damit über Grenzen zu treten. Schweigen.

Alle sind Quadrate, ich bin ein Parallelogramm.

Gespräche über Themen, die mich nicht berühren, Schweigen über das, was mich beschäftigt. Der Wunsch, das zu erhalten, was wie eine Fackel aus meiner Kindheit in mir brennt und mir Kraft gibt, trifft auf Widerstand in dem Wunsch, die unklaren, unausgegorenen, unfairen Mechanismen ans Licht zu holen und neu zu ordnen. Und mir fehlen die Ohren und die Worte dazu.

Noch.

Diese Rotzlöffel!

Da mache ich und tue ich und beantworte jede noch so beknackte Frage, weil ich mir denke, dass eine laut gestellte Frage immer noch besser als unwissendes Schweigen ist, und wie dankt die Bande mir das? Mit einem Benehmen, das wirklich wenig Erziehung und Anstand bezeugt.

So.

Ich will jetzt auch endlich mal wie die Lehrkräfte der vergangenen zweieinhalbtausend Jahre über die „Jugend von heute“ sprechen. Mangels eigener Kinder brauche ich auch nicht das Mantra vorbeten „Es ist nur eine Phase, es ist nur eine Phase“. Ich geb‘ die am Ende eines Schultages wieder ab. Den ein oder anderem habe ich dann etwas in sein Heft geschrieben, bei wiederholtem Vorkommen auch in die Schülerakte.

Allein: Es nützt nichts.

Ich mag diese Klasse wirklich gerne und bin damit meistens allein auf weiter Flur. Im Lehrerzimmer ist sie gerne Thema und wie wir von den Absatzzahlen der Klatschpresse wissen, sind es nicht die braven, unschuldigen Themen, die die Verkaufszahlen nach oben schnellen lassen.

Äh, wo war ich? Ach, die Klasse. Wir kennen uns jetzt aber schon das vierte Schuljahr und haben auch einiges schon durchgestanden. In den allermeisten Fällen können wir uns aufeinander verlassen, aber im Moment möchte ich sie alle gerne… Unkraut zupfen, Heu stapeln, Straßen pflastern, Akten sortieren, im Schraubenlager Inventur machen oder Kindergeburstage als Animateure durchstehen lassen. Also auf jeden Fall etwas, wo sie sich wirklich anstrengen müssen. Vielleicht hülfe das, die Chancen, die in wirklich vielseitigen Lernsettings stecken, anzunehmen. Oder zumindest in der Phase der Präsentation der Gruppenarbeitsergebnisse nicht anzufangen, sich im Mastubieren zu üben (angezogen, so schlimm isses noch nicht) oder andere Unflätigkeiten von sich zu geben. Ein bisschen mehr Respekt gegenseitig und gerade der Klassengemeinschaft gegenüber.

Man, war ich genervt. Ich habe direkt die Gruppenarbeit abgebrochen und ihnen einen Einzel-Schreibauftrag gegeben. Und eine Moralpredigt. Moralpredigten kann ich ziemlich gut, sogar mit eingeschobenen Nebensätzen während des Monologs und ja, ich merke sogar, wie sich dabei meine Brille senkt und die Augenbraue hochgeht.

Das ich sie aber heute nicht gegrüßt habe, als sie von mir Nachhilfe in der Artenbestimmung von Nutzpflanzen haben wollten, das hat sie dann doch geprellt.

Leute, ihr nervt mich. Aber ich geb‘ euch nicht auf. Der nächste Text kommt und an dem werden wir beispielhaft Probleme erörtern und Lösungen erarbeiten. SO.LANGE.BIS.IHR.ETWAS.MEHR.RESPEKT.ZEIGT!

Und dann, und dann fängt das Ganze von vorne an.

Jippiejajo, es geht wieder los.

Naja, fast. Heute war der große Konferenztag, der allen Mitwirkenden des Schulbetriebs einen rasanten Kaltstart von Null auf 100 ermöglicht hat. Nachdem ich ja letzte Woche mit eher mäßigem Erfolg an der Vorbereitung des neues Schuljahres gebastelt habe, stellte ich heute fest, dass das doch völlig ausreichend scheint. In Berlin war unser Hotel direkt gegenüber von meinem liebsten Deutsch-als-Heimatsprache-Verlag, nämlich Cornelsen, und da hat der Lieblingsinsulaner mich mal zwei Stunden durch die Regale wühlen lassen. Ich habe da echt einen Knall, aber der Geruch von neuen Lehrwerken ist einfach toll. Außerdem ist es schön gewesen, einmal richtig mit Zeit durch ein reichhaltiges Angebot zu stöbern. Vermutlich ist das eins der wenigen Dinge, die ich aus der Studienzeit wirklich sehr vermisse: Dieses stapelweise Bücher zu einem Thema an einen Tisch in einer großen Bibliothek tragen und dann so lange querlesen und hin- und herschieben, bis ein kleiner, feiner Denkstapel vor mir liegt, den ich dann genussvoll zerrupfe. Naja. Damals.

Zurück in Berlin: Das Ergebnis war ziemlich schwer und ist in meinem Koffer einmal durch die halbe Republik gereist, macht meinen Schreibtisch aber gerade sehr viel schöner. Nachdem einer meiner fantastischen Ausbilder damals uns vollmotivierte und leicht verplante ReferendarInnengruppe auf ein differenzierendes Lehrwerk aufmerksam gemacht hat, musste das in allen Komponenten mit nach Ostfriesland. Meine Klasse wird dieses Jahr Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ lesen, sich mit Lyrik von Schiller, C.F. Meyer, Peter Fox und Seeed auseinandersetzen, in Spielen zur Unterrichtsgestaltung Rechtschreibung und Grammatik trainieren (meine Highlights sind gerade Tandembögen, „Tick Tack Bumm“ und die „Eins, zwei, drei – Rhetorik Raterei“), Zeitungsartikel kritisch untersuchen und in Vorbereitung auf das Praktikum im nächsten Schuljahr schon einmal ein bisschen Bewerbungen schreiben üben. Das ist der Plan, Hannibal!

Meine Sprachis (SprachlernschülerInnen) haben erst im vergangenen Schuljahr einen ganzen Batzen neues Lernmaterial bekommen, die müssen jetzt mit mir Grammatikübungen für DaZ-Lerner bearbeiten. Wer da Unterrichtsmaterial sucht, dem empfehle ich grundsätzlich die Sachen vom Hueber-Verlag. So sehr mich Cornelsen beim muttersprachlichen Deutschunterricht begeistert, so sehr lassen die einen beim Thema DaZ/ DaF hängen.

Ich bin schon ganz gespannt, wie es meinen Herzis in den Sommerferien ergangen ist. Weil die Kommunikation mit den Eltern außerhalb von direkt-mündlichen Situationen oft noch schwierig ist, haben wir in der Klasse eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet. Damit meine Truppe den Schulstart morgen nicht verpennt, habe ich sie in den vergangenen Tagen mehrfach auf Schulbeginn und -ende aufmerksam gemacht. Und was soll ich sagen? „Wir vermissen Sie, Frau Ostfriesin.“ in korrekter Rechtschreibung und Interpunktion. Ach, da ging mir ja schon das Herz auf.

Ja, und dann begann heute der ganze Wahnsinn von vorne. Nach der ersten von vier Konferenzen war mein Terminkalender schon deutlich gefüllt, am Ende des Tages bin ich mehr oder weniger durchgeplant für das kommende Schuljahr. Die letzten Jahre habe ich mit einem elektronischen Kalender gearbeitet, weil ich da alle Termine mit allen Internetgeräten synchronisieren konnte, aber da wir für die Schule eh eine handschriftliche Unterrichtsübersicht führen müssen, habe ich jetzt den Testballon mit diesem ausgesprochen hässlichen, aber hoffentlich praktischen Kalender gestartet. Wenn es zu sehr nervt, stelle ich zum Halbjahr wieder um, aber vielleicht ist der ja auch voll gut.

Dann war mein Kopf voll, mein Bauch leer und das Hündchen hat lange genug gewartet, also bin ich nach Hause gefahren und habe mich mal wieder gefreut, dass das alles mit dem Fahrrad so schön geht. Als ich während meines Exil-Jahrzehnts auch mal im Bergischen gewohnt habe, war das nämlich gar nicht denkbar. In der norddeutschen Tiefebene kann man aber ganz toll fietsen. Morgen ist bestimmt wieder mehr Sommer.

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