ABM: Arbeit, blauer März

Da isser nun, der Frühling. So richtig echt mit Narzissen, Tulpen und Ranunkeln. Die Vögel zwitschern es raus, unserem Haus gegenüber wohnt eine Amsel, die über den Winter sehr viel geübt hat und nun von früh bis spät ihrem Herzen Luft macht. Der Hund kullert im Garten und bittet darum, die Decke in die Sonne gelegt zu bekommen. Der Insulaner trägt kurze Hosen in der Mittagszeit und streicht ein wenig herum.

Derweil: Ich arbeite. Viel. Neben dem Unterricht, der grundsätzlich mal gar nicht zu unterschätzen ist, gab es im März einen plattdeutschen Vorlesewettbewerb, eine Theateraufführung meiner DaZ-Knirpse, Konferenzen ohne Ende, Informationstage für Eltern hoffentlich kommender Schüler, Konferenzen, Dienstversammlungen und Fortbildungen, dazu Arbeitskreise und Konferenzen. Jetzt noch schnell eine Deutscharbeit zum Korrigieren mit in die Osterferien nehmen, dort noch eben einen Haufen Bilder bewerten, dann das Schuljahresende planen (vier Wochen! Dann müssen schon alle Noten stehen!) und zack, ist die Energie futsch.

Am Abend liege ich im Bett und frage den Mann, warum ich eigentlich so k.o. bin. Bekomme einen Vortrag, der den inneren Schröder’schen-„Lehrer sind alle faule Säcke“-Schweinehund an die Kette legt.

Kann nicht schlafen. Ein Gedankenwurm kriecht über die Bettdecke: Wie soll ich denn meinen Inklusionskindern einerseits und den sehr begabten Kindern andererseits gleichzeitig Gotffried Kellers Nebensätze dritter Ordnung erklären? Und sie auch noch für die Schönheit dieser Satzkonstrukte begeistern? Dann spackt der Kollege wieder rum, weil er angeblich eine Information nicht rechtzeitig erhalten hat. Bin ich darum ne miese Kollegin, weil ich ihm nicht als allererstes informiert habe? Müssen Orchideenfach-Kollegen zusammenhalten? Der unbegleitete minderjährige Flüchtling, der im vergangenen Jahr einfach nicht in die Klasse reingewachsen ist, ist abgängig. Wie kann das Jugendamt so ein Behördendeutsch für einen verschwundenen Jugendlichen einsetzen? Wahrscheinlich kann man nur so denken, sonst nimmt das Chaos überhand. Hab ich eigentlich meinen Beitrag zum Geschenk für die schwangere Kollegin schon bezahlt? Das Elterngespräch vorgestern lief ja nicht so gut, wie das Kind das wohl wegsteckt?

Müde. Ferien. Bald. Wie sagte neulich jemand: Ich werde so dermaßen eskalieren, ich brauche danach bestimmt neue Hausschuhe.

Sprache ja, Worte nein

In meiner Familie wird viel gesprochen. Manchmal wird auch gesprochen, ohne das der Mund sich bewegt. Uns Norddeutschen wird ja gelegentlich nachgesagt, dass wir schweigsam seien. Das konnte ich bisher noch nie für meine Familie oder mich verbuchen, aber je länger ich wieder in Ostfriesland bin (wir erinnern uns, da gab es eine längere Buten-Ostfreesland-Tied wegen Studium und Welt entdecken), desto mehr fällt mir das Schweigen auf.

Ich brauche unsere Sprache wie andere Leute Wasser. Also, das brauche ich auch, aber ich liebe Sprache. Ich denke in Sprache, ich fühle in Sprache, ich konsumiere Sprache, ich produziere Sprache, mein Kopf ist manchmal ganz durcheinander von so viel Sprache und damit ich das sortiert bekomme, nutze ich Sprache. Ich spreche mit allem und jedem um mich rum. Mit der Stimme, mit meinem Körper und mit meinen Gefühlen und Gedanken. Genauso reagiere ich auch auf Sprache von anderen. Sprache ist sozusagen DAS DING für mich.

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Es gibt aber die Momente, in denen fühle ich mich ganz verstrickt in Unaugesprochenem und Nicht-Eindeutigem. Das passiert in den letzten Wochen und Monaten immer häufiger, gerade, wenn ich mit Familienangehörigen spreche.

Das Studium und mein Beruf haben mich verändert. Das habe ich mir auch so gewünscht, war ich doch angetrieben von einem „da gibt’s noch mehr“. Als ich noch Schülerin war, wollte ich unbedingt an die Uni. Das ist für mich furchtbar weit weg gewesen, die nächste Uni war von meinem Heimatdorf über 130 km entfernt und damit hätte sie auch genauso gut in einem anderen Land stehen können. Meine Kindheit und Jugend waren von Draußensein und Landwirtschaft und Traditionen geprägt. Bücher, Zeitschriften, Musik, Geschmacksrichtungen – das war schon alles eher eingeschränkt. Das erste Mal über Homosexuelle zu sprechen war in den frühen Nullerjahren möglich. Über die Einteilung von Arbeitsphasen in männlich-weiblich musste auch nicht gesprochen werden, weil: war ja klar, wer was wann macht.

Ist es das?

Diese Welt, in der ich groß geworden bin, vermisse ich manchmal. Sie gab mir Regeln und Klarheit und fragte nicht dauernd „Warum machst du das so? Könntest du es nicht auch anders machen?“ oder „Warum hast du diese Einstellung? Gibt es nicht Alternativen dazu?“ Genaugenommen fragt das bis heute kaum jemand und wenn, dann gibt es keine Antwort. Dort, an der Stelle, beginnt das Schweigen.

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Das Bild ist da, aber der Ton ist weg. Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Warum fragt sie so kompliziert, warum krieg ich keine Antworten? Warum muss sie in so vielen Töpfen rühren, war doch gut so, wie es war. Nein, war und ist es nicht. Es gibt „Mehr“. „Mehr“ ist super! Aufregend, spannend, komplex, bereichernd, verwirrend, erklärend, erneuernd, erkennend.

Ich fahre von den Begegnungen mit ganz gemischten Gefühlen davon.

Es ist so schön, auf vertraute Heimat zu treffen und ich fühle mich so tief verwurzelt.

Es macht mir Knoten in den Magen, wenn ich nicht aussprechen kann, was ich denke, weil ich den Eindruck habe, damit über Grenzen zu treten. Schweigen.

Alle sind Quadrate, ich bin ein Parallelogramm.

Gespräche über Themen, die mich nicht berühren, Schweigen über das, was mich beschäftigt. Der Wunsch, das zu erhalten, was wie eine Fackel aus meiner Kindheit in mir brennt und mir Kraft gibt, trifft auf Widerstand in dem Wunsch, die unklaren, unausgegorenen, unfairen Mechanismen ans Licht zu holen und neu zu ordnen. Und mir fehlen die Ohren und die Worte dazu.

Noch.

Was bisher geschah, 03.10.2016

Liebe Leute,

ICH.HATTE.KEINE.LUST.ZU.SCHREIBEN.

In den vergangenen 17-blogartikelfreien Tagen ist so viel passiert, dass ich schlicht keine Muße mehr hatte, einen Eintrag darüber zu verfassen. Natürlich saß da schon so ein kleines Monsterchen auf meiner Schulter, das mir ins Ohr flüsterte:„Regelmäßig bloggen bringt Leserschaft!“, „Du musst deine Gedanken doch auch loswerden!“, „Fotografiert hast du auch schon lange nicht mehr!“, „Warum fängst du hochmotiviert an, mich zu schreiben und lässt mich dann eiskalt links liegen? Bin ich ne Ananas-Diät oder was?“ und „Denk mal über Suchmaschinenoptimierung nach! Und Cookies! Kekse sind alles!“

Tja, gedacht, gehört, liegengelassen. Die Toten-Stellung aus dem Yoga direkt transferiert und eingenommen.

Aber, falls das jemand wissen möchte, so ging es nach unserem Synapsenhoch-leistungstraining weiter: Die Baustelle ist nach wie vor eine. Bei den meisten Handwerkern hatten wir Glück, aber irgendwas ist ja immer, darum ist ob fehlender Gummirohr-Abroll-Halterung die Fußbodenheizung noch nicht verlegt und ob mangelnder Arbeitszeitorganisation der Fliesenleger noch nicht bestellt. Außerdem fehlen noch die Maurer, die die Löcher der alten Heizkörper zumauern und der Schornsteinfeger hat uns ein dreiseitiges Aufgabenheft mitgegeben, was wir für den wasserführenden Kaminofen noch brauchen. Plus ungebetenen Ratschlag, dass das ja vielleicht nicht ganz klug von uns überlegt sei. „Doch, mein kleiner Freund, isses. Aber eben anders, als du denkst.“

Meine Sprachlernklasse ist super. Bei allen Pubertätshormonen und Rumgezappel ist die Truppe doch immer noch MEINE KLASSE. In ganz Ostfriesland wird gestöhnt, weil das ja so viel Arbeit macht und die verstehen doch nix und dann haben wir gar kein Material und außerdem fehlt der Einsatz der Schulleitung und die hauen sich gegenseitig und wenn die traumatisiert sind und ich sprech doch gar kein, Achtung, „syrisch“ und was-sollen-wir-denn-noch-alles-machen und früher-war-alles-besser und dafür-bin-ich-nicht-ausgebildet und die-haben-doch-nix undsoweiterundsofort. In ganz Ostfriesland? Nein, an einer Schule unterrichtet Frau Ostfriesin mit Leidenschaft und sieht: Die wollen und können bald auch und bis dahin behelfen wir uns mit Hand und Fuß und der Eine erzählt ganz stolz, dass sein Papa schon B1-Niveau kann und jetzt den Führerschein geschafft hat, in der Theorie sogar mit Null Fehlern und dass er jetzt Arbeit gefunden hat und die Andere erzählt, dass sie so gerne schwimmen lernen möchte und außerdem wollen sie wissen, wie das nochmal funktioniert mit der Demokratie und ob wirklich Männer und Männer und Frauen und Frauen heiraten können, weil, in ihrem Land ist das „Haram“, aber ist ja schön, wenn hier Frieden ist und das sagen sie auch ihren Verwandten, die noch in den Kriegsgebieten leben und dann schweigen wir alle kurz und gucken uns an und atmen tief und sagen:„Wenn mein Land wieder Frieden hat, dann will ich zurück und es wieder aufbauen und dann muss ich was können, also will ich lernen!“ und dann ist da die Eine, 10 Jahre nur gelebt, aber kein Input und kaum ist die ein Jahr in der Schule, schon kann sie lesen und schreiben und Fragen stellen und an den richtigen Stellen mit den Augen rollen, weil sie nämlich jetzt auch ironisch kann und dann, ja dann hat die Frau Ostfriesin auch noch Geburtstag, was sie aber nicht gesagt hat, die olle Kuh, darum machen wir erst einen Tag später Kuchenparty, dafür aber fünf Stück und alle selbstgebacken und dann ist es auch gar nicht mehr schlimm, wenn der Eine vor dem Bio-Test ein bisschen Muffensausen hat, denn er hat einfach noch nicht alle Vokabeln gelernt. „Pansen, Labmagen, Wiederkäuer, Huftier…“ schallt es durch den Raum und auf der anderen Seite wird gerade Mathe gepaukt. Denn: „Frau Ostfriesin, kann ich die Mathe, nur Dezimalkomma kann ich nich. Helfen Sie?“ Oh nein, mein liebes Kind, da bist du an der falschen Adresse, aber ich ruf mal im Flüchtlingshilfeverein an, vielleicht kann dir jemand Nachhilfe geben…

Und Familienwunsch. Und Früh-Abort-Trauer. Und Gespräche. Und Arzttermine. Und plötzlich Klarheit: Kinderwunschbehandlung fällt aus wegen: „Ich will mich nicht pathologisieren lassen!“ und Verhütung fällt aus wegen: „In zehn Jahren will ich nicht denken, dass es vielleicht doch geklappt hätte.“ und auf einmal ist da ganz viel Kraft und Schönheit und der sichere Gedanke, dass ich mit niemandem sonst, außer mit meinem großartigem Ehemann über diese Dinge nachdenken will. Und das es verdammt noch mal ein riesiges Glück ist, dass wir uns haben dürfen und das wiegt so schwer und so tief in den Seelen, dass der Himmel voller Geigen hängt und wir vor lauter Kuscheligkeit die Welt um uns vergessen und dann ist da noch das Lieblingstier, dass nach einer Schwächephase wieder auflebt und mit ihren Ohren, Augen, Körper so vielseitig mit uns kommuniziert und das ist dann das ganz große Glück!

„Acht Papier???“

Die Sprachlernklasse hat mächtig Zuwachs bekommen. Einige treue Gefährtinnen sind noch aus dem letzten Schuljahr dabei, aber eben auch viele neue Gesichter. Damit ich nicht einfach wild drauflos unterrichte und haarscharf an den Bedürfnissen vorbei, habe ich gestern einen kleinen Einstufungstest schreiben lassen. Das ist jetzt nicht so wie eine schriftliche Abi-Prüfung oder anderer akademischer Schnickschnack, das ist eher Wildwuchs. Auch das werden wir in den nächsten Monaten üben.

Der Test entstammt der Hamburger Initiative Karolinenviertel e.V. (pdf), die auch das Lehrwerk „Hamburger ABC“ entwickelt haben. Ich finde das toll, weil es sich auf ein ganz einfaches Layout beschränkt und immer eine Sache trainiert wird. Gerade für den Anfangsunterricht ist das ’ne schöne Sache.

Gestern also. Wir wissen ja noch aus der Erfahrung mit dem Stundenplan, dass kleine Dinge lange dauern können und darum habe ich einen Donnerstag gewählt. Da bin ich nämlich vier Stunden in meiner Klasse und wir haben alle Zeit der Welt, dieses merkwürdige Ding, diesen Test, zu beschnuppern. Nach dem Morgengebrüll habe ich ihnen erst einmal alle kopierten Seiten aus der Entfernung gezeigt. Es hagelte die erste Entrüstung: „Acht Papier?“ „Ja, der Test besteht aus acht Seiten. Wenn du alle acht Seiten schaffst, ist das gut. Wenn du das nicht schaffst, ist das auch gut.“

Skepsis.

Dann die erste Warmmachrunde, einmal das Alphabet aufsagen, hopphopp. Das  „Q“ [kju] und diese verflixten Umlaute „U“, „Ä“, „Ö“ und „Ü“ [ü], [ü], [ü] und [ü] sind wirklich schwierig. Aber sie kriegen es hin. Gemeinsam schreiben wir das Alphabet in Groß- und Kleinbuchstaben an die Tafel, bevor ich, unmodern wie ich bin, einzelne Schülerinnen und Schüler nach vorne neben die Tafel treten lasse und sie von dort laut das Alphabet in die Klasse hinein aufsagen sollen. Die Stimmung ist gut, der Eifer geweckt. Alle gucken auf die Tafel und hören der Sprecherin zu. Beim ersten Fehler ist Schluss, da sind wir ganz streng. Wir lachen sehr viel, es ist ja alles so kompliziert. Dann aber schafft es mein scheues Reh. Sie kam vor ein paar Monaten gemeinsam mit einem Geschwisterkind, sehr zurückhaltend und schweigsam. Höchstens ein kleines Lächeln mit geschlossenem Mund. Aber jetzt! Fehlerfrei und mit der richtigen Betonung sagt sie das Alphabet auf und denkt auch an Umlaute und das „ß“. Die Klasse johlt und klatscht, sie strahlt über das ganze Gesicht. Was haben wir es gut, dass wir uns haben!

Weiter geht’s, wir sind gerade so gut im Fluss. Ich halte Bildkärtchen hoch und nach Meldung („Erst melde, dann spreche, richtig?“ „Ja, und macht das auch mal wirklich. Und nicht immer: Melden und hundert Mal „Frau Ostfriesin, Frau Ostfriesin, Frau Ostfriesin“ sagen!“ Gelächter, Einverständnis) werden die Substantive genannt. MIT bestimmten Artikel im Nominativ. Da sind wir genau. Das klappt so gut, dass wir im Anschluss einige der Substantive aufschreiben, zunächst Schulinventar. Ich halte Beispielgegenstände hoch und wir suchen die passenden Adjektive dazu. Vom Wort zum Satz. So schaffen wir erste Aussagesätze an die Tafel. Die dann abgeschrieben werden. „Oh naaain, Frau Ostfriesin. So viel!!!“ „Du schaffst das schon! Denk dran, Substantive schreibt man groß. Woran erkennst du ein Substantiv?“ „Kann’isch sehe. Anfasse. Artikel.“ „Richtig!“

Steckbrief-Informationen haben wir im Laufe der Woche schon zusammengetragen, das sitzt. Jetzt geht’s um richtiges Lesen. Anna, Otto und andere Protagonisten machen Dinge. Otto fährt zum Beispiel mit dem Fahrrad. Diesen Satz muss man unter die Frage „Womit fährt Otto?“ schreiben. Ein Klacks. Hab‘ ich mal wieder nicht aufgepasst. Das können sie doch schon lange.

Es folgt ein Ankreuzbogen zu einem kleinen Text über Anton Müller in der Badewanne. Ankreuzen ist ja so eine Kompetenz für sich. In der ersten Zeile steht „Ja“ oder „Nein“ und genau das wird dann auch in die jeweiligen Kästchen reingeschrieben. Nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Den Feinschliff üben wir später.

Bei den nächsten Schritten wird es dann schon etwas kniffeliger. Gefordert werden ganze Sätze auf Fragen, die eine „Ja“- oder „Nein“-Antwort mit Begründung verlangen. Jetzt zeigt sich, wer Durchhaltevermögen und Übung aus den Ferien hat. Weil es bis hierhin aber so gut gelaufen ist, werden jetzt auch kleinere Schwierigkeiten hingenommen.

Und -zack- , wer hätte es gedacht, sind die acht Seiten verarbeitet, der Tag ist rum und es bleibt nur eine Frage: „Wann Test zurück?“

Wir sind die krasseste Herde, die’s gibt!

Irgendwann im ersten Teil von Ice Age sagt Sid, das nervige Faultier, diesen Satz und verweist damit auf die Unterschiedlichkeit der Herde und wie cool sie sich trotzdem alle verstehen.

So ähnlich habe ich mich heute in meiner Sprachlernklasse gefühlt. Ich mag die alle so! Noch ganz ferienwarm kamen heute meine Jungs und Mädchen zusammen und ich wurde in guter Tradition mit dem Morgengruß niedergebrüllt. Der geht nämlich so: Ich sage „Moin liebe Sprachlernklasse!“ und meine Klasse schmettert im Chor zurück „Moin, Frau Ostfriesin!“ Irgendwann hat die Bande beschlossen, dass das übliche „Guuuu-teeen-Mooooaarr-gäääähn, Fraaaauuu Ooostfriiieesiiin!“ einfach nicht richtig wach macht. Also kriege ich ab jetzt wieder täglich die Ohren geputzt.

Und da sitzen sie also. Vertreter aus fünf Nationen, einträchtig in dem Wunsch versammelt, jetzt mal ordentlich Wissen in die Birne zu kriegen. Na gut, frischen wir zunächst im guten alten Stuhlkreis unsere mündlichen Sprachkenntnisse auf. Ich frage immer Jede und Jeden einzeln, wie es ihr oder ihm geht und wie die Ferien waren. Dann frage ich, was sie in den Ferien gemacht haben. Eine ganze Menge, soviel steht fest. Sie haben mit Ronaldo gefiebert und ganz ausführlich wurde fünfsprachig über das unverschämte Foul der Franzosen gegen den Weltfußballer Nr. 1 debattiert. Sie waren im Schwimmbad und viele wollen jetzt doch endlich schwimmen lernen. Is‘ ook beeter so, givt n bült Water in Ostfreesland!

Sie haben ihre Familienmitglieder besucht, die quer in Europa verstreut sind. So eine Flucht reißt eben wirklich alles auseinander. Sie haben Picknicks in öffentlichen Grünanlagen gemacht und ihren Geschwistern beim Rad fahren lernen geholfen. Selbstverständlich haben sie alle beteuert, ganz viel gelernt zu haben. Aber: „Ich weiß es, aber ich hab’s vergessen.“ Das ganze menschliche Schicksal in einem Satz untergebracht. Diese Analogie stammt übrigens nicht von mir, sondern von Thees Uhlmann. Lest sein Buch „Sophia, der Tod und ich„. Alle.

Weil morgen Einschulung für die Jüngsten ist, wurden wir dann für einen machbaren Arbeitseinsatz eingeteilt: Papierpakete schnüren. Der Vorsitzende des Umweltausschusses hat sich überlegt, dass es doch gut wäre, wenn nicht alle Eltern in den Ferien losziehen müssten und Papier besorgten, sondern wenn wir in der Schule Pakete mit dem benötigten Material zusammenstellen. Selbstverständlich mit dem Blauen Engel versehen und in Recyclingqualität. Also haben wir heute ein kleines Fließband mit Pappmappen, Blöcken und Heften gebaut, eine dreifache Kontrolle (Menge zählen, Anordnung mit Checkliste abgleichen, Unversehrtheit überprüfen) installiert und dann noch eine Schleife drumgebunden. Das hat richtig Spaß gemacht, weil alle in ihren Heimatsprachen erklären konnten, was die jeweils Andere falsch oder richtig macht und das konnten alle verstehen, weil wir so unmittelbar mit den Papierprodukten gearbeitet haben. Zusammen mit den anderen Klassen des Jahrgangs sind wir dann zu den neuen Klassenräumen gegangen und haben die dortigen Stuhlkreise mit den „Geschenken“ bestückt. Das war ein sehr schönes Bild!

Die letzte Doppelstunde haben wir uns dann mit dem neuen Stundenplan beschäftigt. Jetzt mag die gemeine Arbeitnehmerin vermuten, dass das ja kein Unterfangen von 90 Minuten sein kann, aber ich stellte zum wiederholten Male fest: Isses doch! Angefangen mit dem Zeichnen einer Tabelle; ja auch solche Kompetenzen müssen gefördert werden; bis zum korrekten Übertrag der Stunden und Pausenzeiten und der Lehrerinnenbesetzung dauert das mit doppelter Lehrkraftbesetzung tatsächlich fast eine Doppelstunde. „Hier Lineal?“ „Ja, richtig, hier legst du das Lineal an und ziehst eine Linie.“ „Stift?“ „Nein, kein Bleistift. Nimm bitte einen Kugelschreiber.“ „Stunde da?“ „Genau, da müssen die Stundenzeiten rein.“ „Stunde Frau Ostfriesin?“ „Korrekt, da habt ihr bei mir Unterricht.“ „Schluss?“ „Der Schultag endet nach der sechsten Stunde.“ „Wo Bus?“ „Dein Bus fährt an dieser Haltestelle ab. D. kann dich mitnehmen.“

Jetzt fehlen noch Putzpläne, Bücherausgaben und eine korrigierte Sitzordnung. Das wird schon. Wir sind schließlich die krasseste Herde, die’s gibt.

Und dann, und dann fängt das Ganze von vorne an.

Jippiejajo, es geht wieder los.

Naja, fast. Heute war der große Konferenztag, der allen Mitwirkenden des Schulbetriebs einen rasanten Kaltstart von Null auf 100 ermöglicht hat. Nachdem ich ja letzte Woche mit eher mäßigem Erfolg an der Vorbereitung des neues Schuljahres gebastelt habe, stellte ich heute fest, dass das doch völlig ausreichend scheint. In Berlin war unser Hotel direkt gegenüber von meinem liebsten Deutsch-als-Heimatsprache-Verlag, nämlich Cornelsen, und da hat der Lieblingsinsulaner mich mal zwei Stunden durch die Regale wühlen lassen. Ich habe da echt einen Knall, aber der Geruch von neuen Lehrwerken ist einfach toll. Außerdem ist es schön gewesen, einmal richtig mit Zeit durch ein reichhaltiges Angebot zu stöbern. Vermutlich ist das eins der wenigen Dinge, die ich aus der Studienzeit wirklich sehr vermisse: Dieses stapelweise Bücher zu einem Thema an einen Tisch in einer großen Bibliothek tragen und dann so lange querlesen und hin- und herschieben, bis ein kleiner, feiner Denkstapel vor mir liegt, den ich dann genussvoll zerrupfe. Naja. Damals.

Zurück in Berlin: Das Ergebnis war ziemlich schwer und ist in meinem Koffer einmal durch die halbe Republik gereist, macht meinen Schreibtisch aber gerade sehr viel schöner. Nachdem einer meiner fantastischen Ausbilder damals uns vollmotivierte und leicht verplante ReferendarInnengruppe auf ein differenzierendes Lehrwerk aufmerksam gemacht hat, musste das in allen Komponenten mit nach Ostfriesland. Meine Klasse wird dieses Jahr Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ lesen, sich mit Lyrik von Schiller, C.F. Meyer, Peter Fox und Seeed auseinandersetzen, in Spielen zur Unterrichtsgestaltung Rechtschreibung und Grammatik trainieren (meine Highlights sind gerade Tandembögen, „Tick Tack Bumm“ und die „Eins, zwei, drei – Rhetorik Raterei“), Zeitungsartikel kritisch untersuchen und in Vorbereitung auf das Praktikum im nächsten Schuljahr schon einmal ein bisschen Bewerbungen schreiben üben. Das ist der Plan, Hannibal!

Meine Sprachis (SprachlernschülerInnen) haben erst im vergangenen Schuljahr einen ganzen Batzen neues Lernmaterial bekommen, die müssen jetzt mit mir Grammatikübungen für DaZ-Lerner bearbeiten. Wer da Unterrichtsmaterial sucht, dem empfehle ich grundsätzlich die Sachen vom Hueber-Verlag. So sehr mich Cornelsen beim muttersprachlichen Deutschunterricht begeistert, so sehr lassen die einen beim Thema DaZ/ DaF hängen.

Ich bin schon ganz gespannt, wie es meinen Herzis in den Sommerferien ergangen ist. Weil die Kommunikation mit den Eltern außerhalb von direkt-mündlichen Situationen oft noch schwierig ist, haben wir in der Klasse eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet. Damit meine Truppe den Schulstart morgen nicht verpennt, habe ich sie in den vergangenen Tagen mehrfach auf Schulbeginn und -ende aufmerksam gemacht. Und was soll ich sagen? „Wir vermissen Sie, Frau Ostfriesin.“ in korrekter Rechtschreibung und Interpunktion. Ach, da ging mir ja schon das Herz auf.

Ja, und dann begann heute der ganze Wahnsinn von vorne. Nach der ersten von vier Konferenzen war mein Terminkalender schon deutlich gefüllt, am Ende des Tages bin ich mehr oder weniger durchgeplant für das kommende Schuljahr. Die letzten Jahre habe ich mit einem elektronischen Kalender gearbeitet, weil ich da alle Termine mit allen Internetgeräten synchronisieren konnte, aber da wir für die Schule eh eine handschriftliche Unterrichtsübersicht führen müssen, habe ich jetzt den Testballon mit diesem ausgesprochen hässlichen, aber hoffentlich praktischen Kalender gestartet. Wenn es zu sehr nervt, stelle ich zum Halbjahr wieder um, aber vielleicht ist der ja auch voll gut.

Dann war mein Kopf voll, mein Bauch leer und das Hündchen hat lange genug gewartet, also bin ich nach Hause gefahren und habe mich mal wieder gefreut, dass das alles mit dem Fahrrad so schön geht. Als ich während meines Exil-Jahrzehnts auch mal im Bergischen gewohnt habe, war das nämlich gar nicht denkbar. In der norddeutschen Tiefebene kann man aber ganz toll fietsen. Morgen ist bestimmt wieder mehr Sommer.

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