So ein Pony, das kann Alles!

Als ich noch Schülerin war, hatte ich Zeit zum Träumen und Gedanken nachhängen.  Ich las in der Mittagssonne bei meiner Oma im Garten die Jugendbücher meiner Mutter und deren Freundin. Meine Mutter mochte scheinbar alle Internatsgeschichten von Hanni und Nanni sehr gerne, aber auch so Junge-Liebe-Kichern-In-Der-Eisdiele-und-am-Ende-mit-den-Eltern-im-Frieden-sein-Bücher stand hoch im Kurs. So richtig pädagogisch wertvolle Klischee-Literatur. Die Freundin meiner Mutter mochte Pferdegeschichten und Erlebnisse von jungen Mädchen, die im Wald auf Rehe trafen. Dann kam der Förster und entweder hat er sie aus misslicher Lage gerettet, sie verliebten sich und trallalala oder  er hat sie verjagt, weil sie dem armen Reh, das doch so ein leckerer Braten werden sollte, zur Flucht verholfen hat.

Völlig konsequent waren dann auch die Bücher, die ich mir in der Bibliothek der nächsten Kleinstadt ausgeliehen habe, in diesem Spektrum dichterischer Schaffenskunst angeordnet. „Billy und Zottel“, „Abenteuer auf dem Ponyhof“, „Bibi und Tina hoch zu Ross“, „Das Nesthäkchen“, „Der Trotzkopf“, Bücher über Tierarzthelferinnen (wer will kleine Mädchen schon auf die Idee bringen, dass sie selbst studieren könnten? An einer Uni? Also wirklich!), Zeitschriften über Wendys Abenteuer und so weiter und so fort.

Mit meinen Großvätern war ich viel unterwegs. Die hatten immer irgendeine fixe Idee, wo sie jetzt noch hinterhermüssten und dann fuhren sie dorthin, wahlweise im Unimog oder mit dem alten Benz. Wenn ich leise und freundlich zu den Leuten war, haben sie mich auch mitgenommen. Wer würde sich so eine Chance schon entgehen lassen? Also lernte ich abenteuerliche Menschen kennen, sie mich nicht so sehr, denn ich musste ja leise sein und die Erwachsenen sprechen lassen. Doch das hinderte mich ja nicht daran, alles Neue aufzusaugen. Manchmal kamen wir auch auf Pferdehöfe. Da streckten die edlen Rösser ihre Köpfe neugierig aus den Boxen, schnoberten herum und inspizierten die Neuankömmlinge, Opa und mich.  Gelegentlich ritt dann auch noch jemand an mir vorbei. Ich stand und staunte.

Mittags hatte Oma etwas gezaubert und dann hieß es: Mittagsruhe. Dieses träge Licht, dass am Fenster vorbeiwandert, nur unterbrochen von Vogelrufen und einem selten vorbeifahrenden Auto, das vermisse ich manchmal. Auch die Langeweile einer Mittagspause, in der telefonieren mit der besten Freundin verboten war („Dat is völls to düür!„), Krach machen genausowenig gerne gesehen wurde („Nu is Middagstün, dor mutten ji ne so luut wesen!“) und der Fernseher drei Programme aufwartete, und damit ebenfalls nicht das große Entertainment bot, diese Langeweile war erfüllt von einem Warten auf das große Neue.

Ich wünschte mir damals, auf einem Pferd durch die Gegend zu reiten. So eine Gegend, die nicht nur flach und windig ist, sondern eine mit Hügeln und Tälern und einem kleinen Bach, über den man springen kann. Mit einer Burg, die er zu erkunden gibt und einem wilden Ritt durch die Felder.

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Ein Vierteljahrhundert später werden diese Träume wahr. Lange war ich Kutscherin und bin mit dem Planwagen bei Wind und Wetter hauptberuflich gefahren. Das war toll. Neben dem Studium waren das meine Auszeiten, in denen ich im direkten Pferdekontakt und unter dem großen Himmel der südlichen Nordsee Luft holen und zur Ruhe kommen konnte. Inzwischen fahre ich nur noch selten, dafür reite ich wieder häufiger. Und weil es gerade passte und noch ein Platz frei war und die Ferien gerade begonnen hatten, war ich vergangenes Wochenende in Nordhessen auf einem Wanderritt, der so, so, so schön war, dass ich ganz verzückt bin.

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Gestartet sind wir auf einem ganz tollen Reiterhof, der bis ins Detail davon zeugt, dass sich dort jemand einen Traum erfüllt hat und bereit ist, ihn zu teilen. Gleich am Freitagabend stand ein schneller Ritt über den Hausberg an, der zeigte, was die Pferde alles können: Wie die Gemsen bergauf und bergab, ihre Reiterinnen sicher tragend. Schnelle Galoppaden zeigten, welches Pferd die größten Sprünge machen kann und im Schritt ging es an steilen Hängen entlang. Es war wunderbar. Im Rittersaal wurde ein leckeres Essen aufgetischt und am Samstag ging es dann auf Tour: Sieben Stunden durch den Wald, an einem See vorbei, bis zu einem Tal, das so frühlingshaft schön war, dass es mich nicht gewundert hätte, gleich Jonathan aus Astrid Lindgrens „Brüder Löwenherz“ oder ein paar Hobbits vorbeimarschieren zu sehen:

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Zum Feierabend sind wir bei einem Kumpel vom Pferdehof-Besitzer angekommen, wo wir die Pferde mit Kraftfutter und Wasser versorgt auf einer grünen Weide zurückließen, um bei einem Grill-und Gitarrenabend am Kaminfeuer diesen wunderbaren Tag ausklingen zu lassen.

Am Sonntag wurden wir zu den Pferden gebracht, wir sattelten auf und ritten los. Schon nach der ersten Viertelstunde war jegliches Zeitgefühl verschwunden und ich wieder voll im Augenblick. Mein Pferdchen hat mich so sicher, freundlich und gemütlich getragen, dass ich ganz leicht ums Herz wurde und mich so gefreut habe, dass ich noch Tage später Muskelkater in der Oberlippe hatte, weil ich so breit grinsen musste.

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Das ist ja das Tolle am Erwachsensein: Wenn man sich langgehegte Träume erfüllen kann und wenn sich dann noch herausstellt, dass es sich lohnt, das es schöne Erfüllungen sind, dann kann es nicht mehr besser werden.

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Das ist dann das Glück, das einige so sehr suchen, dass sie es gar nicht sehen, wie es da steht und mit dem blauen Himmel um die Wette leuchtet. Aber ich, ich kann jetzt sagen: Es ist da! Und es lohnt sich, alte Träume aus der Mottenkiste zu holen und im Tageslicht zu betrachten und sie vielleicht endlich, endlich mal umzusetzen.

Showtime – Pferde in Aktion

Am gestrigen Samstag habe ich endlich mal wieder etwas mit einer sehr lieben Freundin unternommen. Ein Reitbetrieb der Region hatte zu einem Showprogramm mit Barockpferden eingeladen und da wir beide Pferde ziemlich super finden, haben wir uns auf den Weg dorthin gemacht.

tl,dr: Für Freunde des kurzen Inputs: Ja, war schön und ja, ist ausbaufähig.

Für die Leserinnen längerer Blogartikel: Das kam so…

Zunächst ritt eine schwarzbewandete, blondhaarige Frau mit Dreispitz auf dem Kopf einen Barockschimmel in die Halle. Barock war an dem Pferd vor allem sein wahnsinniger Hals. Da, wo bei Sportpferden nach dem Widerrist erstmal eine sanfte Wölbung emporsteigt, ging es bei ihm Eiger-Nordwand-mäßig steil nach oben. Wahrscheinlich muss er den Hals so hoch tragen, weil er sonst auf seine Mähne getreten wäre. Die war nämlich unglaublich lang und sorgte für einen echten WOW-Effekt. Die Dame stellte sich als Moderatorin des Abends vor und überraschte mit einer Stimme, die absolut nicht zu dem Körper passte. Die Stimme war eher so „Hallo, ich bin acht Jahre alt und möchte trotzdem gerne noch beim Schlachter eine Gratis-Scheibe Wurst haben“, während der Körper eher so: „Baumstämme? Reiße ich schon vor dem Frühstück drei Stück aus.“ war. Kennt ihr das, wenn ihr Leute seht und dann fangen die an zu sprechen und du denkst nur: WHAT??? Jedenfalls bat sie da das erste Mal an diesem Abend um Applaus. Das erste von ungefähr 200 Malen.

Es folgte ein hübsches weißes Pferd mit einer ebenso hübsch dekorierten Frau, die zusammen auf einem riesigen Stück  (wirklich riesig. Bestimmt 20 x 15 m!) blauen Stoffes rumgetanzt sind. Das Pferd war erst zweieinhalb Jahre alt und meine Freundin und ich waren schwer beeindruckt von seiner Unerschrockenheit. Da wurde piaffiert und sich hingelegt, egal, ob da 700 Leute zuguckten, die Musik an „The last Unicorn“ erinnerte, die Spots ihr Ziel nicht fanden oder die Stoffbahn flatterte wie ein Burggespenst. Respekt vor so viel Coolness.

Weiter ging es mit einem großen Einhorn:

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Das Einhorn tänzelte zur Violine sehr anmutig im Kreis.

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Steigen konnte es auch. In einer späteren Darbietung haben die beiden gezeigt, wie toll das Pferd an den Hilfen der Frau steht. Sie hat nur mit Sitz- und Schenkelhilfen auf dem Pferd gesessen und mit den Armen große Flügel bewegt, das Pferd hat aber alle Seitengänge und Gangwechsel sehr schön ausgeführt. Allerdings nur auf der linken Hand, Rechtsrum müssen sie wohl noch üben.

Auf dem Bild oben sieht man übrigens ganz gut, wie kräftig die Pferde am Hals bemuskelt sind.

Es folgten weitere Show-Auftritte, bei denen alle gezeigt haben, wie gut sie aufeinander achten. Das Trickpony beispielsweise reagierte sehr fein auf die Aufforderung, die Beine zu kreuzen:

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Und das Menorquinische Pferd zeigte seine Geduld:

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Die Reiterin wirkte übrigens am lässigsten: In der einen Hand die Zügel, in der anderen die Gerte, mit dem Hintern am Sattel wie mit Pattex klebend, machte das Pferd allerlei Sachen wie Vorwärtsverbeugung, auf den Hinterbeinen laufen, fliegende Galoppwechsel… und sie saß unerschütterlich weiter. Schon ziemlich cool. Wenn eine Übung mal nicht recht klappen wollte, zum Beispiel das Hinlegen auf Kommando, dann haben die Reiterinnen keinen Zwang ausgeübt, sondern etwas anderes gemacht. Das fand ich gut, weil die Pferde dabei auch einen entspannten Eindruck machten und nicht gefrustet wirkten.

Neben echten Vierbeinern tauchten auch große Leuchtpferde in der Halle auf:

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Mit der passenden Musik schwebten sie sehr leichtfüßig durch die Halle und haben mit ihren großen Bewegungen imposant gewirkt. Allerdings hätte da die Choreo bestimmt noch mehr Absprachen vertragen können.

Heute denke ich, dass da schöne Sachen präsentiert wurden, allerdings sehe ich auch noch Luft nach oben. So könnte das Licht schöner gesteuert sein, teilweise war es sehr dunkel, dann wieder sehr hell. Vielleicht wäre ein schwarzer Vorhang hinter den Pferden auch möglich gewesen, dann hätten sie noch mehr hervorgestochen.

Die Moderatorin hat für mich einen Platz auf der Top Twenty der nervigsten Leute des Jahres belegt. Sie hat einfach immer und immer wieder nach Applaus, gerne auch für sich selbst, gefragt und war dem Publikum gegenüber sehr anmaßend. Sie sprach dann davon, dass sie ja so viel erzählen müsse, um die Umbaupausen zu überbrücken, aber das hätte sie auch anders lösen können, als mit: „Applaus! Für mich!“. Eleganter hätte ich es gefunden, wenn sie eine kurze Geschichte aus dem Training der Pferde erzählt hätte, oder was das Besondere am Barock ist. Was überhaupt Barock ist. Aber nu. Insgesamt wirkte sie nicht sehr authentisch. Das fiel vor allem am Ende des Nachmittags auf, als die Kinder noch ein paar Fotos mit den Pferden machen durften. In das große Mikrofon wurde das noch ganz lieblich gesäuselt, als dann die Kinder Schlange standen, war der Ton schlagartig sehr viel ruppiger.

Dann weiß ich bei Barockpferden nie so ganz, wie ich sie finden soll. Es ist toll, was sie in den Beinen haben und wenn sie, wie zwei schwarze Friesen im Pas de Deux zeigten, die bepuschelten Hufe elegant schwingen, dann sieht das großartig aus. Allerdings habe ich auch gesehen, dass die Pferde mit der Kandare so kurz gehalten wurden, dass zwischen Ganasche und Hals überhaupt kein Abstand mehr war. Kann natürlich sein, dass das so muss und ich hab da zu wenig Ahnung, aber richtig gefallen hat mir das nicht. Teilweise hatten die Pferde auch richtig viel Metall im Maul und Kopf, Unterlegtrense und Kandare und und und.

Was bleibt also? Wir hatten ein schönes Erlebnis, bei dem tolle Pferde vorgestellt wurden. Wir fühlten uns gut unterhalten und haben gern zugesehen. Am Ende bleiben ein paar Fragen und der Wunsch nach einer neuen Moderatorin, aber der Genuss überwiegt. Und falls die nochmal wieder kommen, gucken wir uns das gerne ein weiteres Mal an.

…und das Hundetier liegt in seiner Kiste, die Pfoten über dem Kopf zusammengeschlagen und scheint zu denken: „Kein Spanischen Schritt mit wehrlosen Dalmatiner-Mischlingen! Such dir ein anderes Tier, dem du Trickse beibringen willst.“

Herbstferienbericht

Und zack, da sind die schönen Ferientage auch wieder vorbei. Am Anfang der Woche haben wir für meinen Bruder einen Bogen gemacht. In Ostfriesland ist es üblich, dass ein Jubilar für sein Jubiläum einen Türbogen oder Rasenschmuck in Form von Immergrün auf Holzplatte, gerne anlassbezogen zurecht geformt, erhält. Da kommen in den Vorgärten die dollsten Dinger zu stehen: Herzen, Trecker, Handschellen. Und weil hier eigentlich niemand ins Glas spuckt, wird der Bogen einen Tag vor dem Jubiläum zum Jubilar gebracht. Der darf sich dann mit einem Schnaps und einer Einladung für’s große Gelage bedanken. Ausdauernde Feierfreudige kommen dann zum eigentlichen Jubiläum erneut auf ein Kaltgetränk vorbei, bevor sie bei der eigentlichen Feier richtig zulangen. Tja, wenn die Bevölkerung so protestantisch ist wie hier, fallen eben ’ne Menge Feiertage weg. Macht aber nix, wir sind da erfinderisch. Mein Bruder hat sich „heel düchtig“ gefreut und ich mich sehr für ihn, denn über 50 Leute haben an ihn gedacht und verschiedene Bögen vor und ans Haus gestellt. Seine Arbeitskollegen ebenso wie die Familie oder die Leute von seinem Lieblingshobby und seine Partyclique, niemand hat sich lumpen lassen. Er sich auch nicht, die große Sause startet in ein paar Wochen.

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Am Wochenende haben wir den Wald erkundet. Sogar mit Sonnenschein, der sich in den letzten Tagen ziemlich rar machte.

Die Baustelle hat uns diese Woche ein bisschen gestresst, denn wir sind zwei Wochen im Verzug. Der Lieblingsmann reagiert auf Stress grundsätzlich anders als ich, nämlich mehr so innerlich, während ich dann doch immer wieder feststelle, dass meine Vorfahren wahrscheinlich Wikinger waren. Mit der charmanten Mischung von hoher Empfindsamkeit und Sturheit, die an Eigensinn grenzt, einer Portion Ungeduld und einem Gesicht, dem man fast immer ansieht, was ich denke, bulldozere ich mir dann meinen Weg. Jetzt, am Ende der Woche, war es wahrscheinlich die Zusammensetzung beider Teile, der Ruhe meines Mannes und dem Knallgas von mir, was zu ganz anständigen Ergebnissen geführt hat. Noch gehen wir also davon aus, den Zeitplan einhalten zu können.

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Diese Installation bringt immer wieder etwas in mir zum Klingen. Ealy frya fresena!

Schön war in dieser Woche, dass ich hemmungslos viel geschlafen habe. Manchmal kann ich mir das selbst nicht sooo gut gestatten, aber achselzuckenderweise mache ich das dann doch. „Liegen lernen vom Profi“, ein Kurs, den ich jederzeit für Volkshochschulen und Managerseminare anbieten könnte. Schon als kleines Kind war das meine ultimative Vorstellung von Luxus: Entspannt rumliegen, lesen, Musik hören, denken und niemand, der einen stört oder auffordert, den Hühnerstall auszumisten. HERRLICH! In den Ferien klappt das ganz gut. Während der Schulzeit nicht, da arbeite ich als Saisonarbeitskraft mit Vollgas und Überstunden, damit ich in den nächsten Ferien für mich eine Rechtfertigung habe, wieder zu lesen und zu denken und…

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Irgendwo dahinten ist bestimmt gerade eine Grille mit ihrer Geige auf der Suche nach einem Wintequartier und nur der Maulwurf wird ihr helfen.

In dieser Woche habe ich außerdem ganz viel und ganz oft und ganz intensiv über unser zukünftiges Familienmitglied nachgedacht. Es wird vermutlich männlich, sehr groß, hoffentlich lieb, gut ausgebildet und von guter Gesundheit sein. Außerdem wird  er eine tolle Unterkunft an dem Ort finden, wo ich mich selbst auch so Zuhause fühle. Aktuell überlege ich, was wohl das Beste für seinen Rücken und seine Zähne sein wird und wo er seine Freizeit am schönsten verbringen kann. Es kribbelt nämlich sehr und wenn das Haus fertig ist und der Berufswechsel vom Mann uns wieder Nerven geschenkt hat, dann ist die Tür frei für ein Pferd. Die Reitlehrerin ist unterstützend dabei und nach dann fast zwei Jahren Pause als Pferdebesitzerin bin ich auch nicht mehr zu halten. Bis dahin reite ich gerne und so oft es geht auf dem Schulpferd weiter, der mich auch diese Woche wieder brav getragen hat.

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Das wird es nicht, aber ein anderes wird es schon. So viel Vorfreude!

Inzwischen sind einige Menschen auf meinen Schreibstil aufmerksam geworden. Sei es hier im Blog oder durch meine Einträge bei Facebook. Das freut mich sehr und ich fühle mich geschmeichelt. Dabei fühle ich mich immer erinnert an einen Prof. von der Uni, der mich mit Michel Foucaults Macht-Diskursen in Verbindung brachte und ich frage mich dann meist sofort, ob ich mich jetzt geschmeichelt fühlen darf oder nicht. Sagte ich schon mal, dass ich zu Überreflexion neige? Nein, nicht das Schlangenmensch-Zeug, sondern mehr so im Kopf.

Also: Ich habe mich trotzdem gefreut und jetzt zwei Werbetexte für Veranstaltungen geschrieben, auf die ich mich schon sehr freue. Vielleicht entwickelt sich da ja was. Nebenbei habe ich mich gefragt, wie es Menschen schaffen, einen ganzen Roman mit Figuren und Bildern zu entwickeln und das auch noch so gut zu machen, dass andere Leute das lesen. Ich schreibe gerne, ich lese gerne, aber ich habe überhaupt keine Vorstellung davon, wie man einen Langtext so schreibt, dass er lesenswert und durchkomponiert ist. Fällt mir gerade so ein, las ich doch neulich einen Meta-Text zu einem Literaturpreis, in dem sich die Juror*innen über die Belanglosigkeit und Ich-Bezogenheit und den biographischen Stil der jüngeren deutschen Literatur ausließen. Nur mal so am Rande.

Jetzt gibt’s noch ein bisschen Herbstfutter, bevor die Schule mich morgen wieder in ihren Bann zieht.

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Wirklich das beste Olivenöl, das ich kenne. Vom Lehrerfreund aus Wuppertal importiert und für die guten Gelegenheiten genutzt. Heute: Ofengemüse mit Hokkaido, Paprika und Frühlingszwiebeln. Dazu etwas Honig, Soyasauce, Pfeffer und, nicht im Bild, Trockenpflaumen und Knoblauchzehen.
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Alles kleingehackt, mit einer Sauce aus Olivenöl, Honig, zwei Knoblauchzehen und Sojasauce übergossen, 30 min bei 150 ° C Umluft in den Ofen und „mhhhhmmm! Salz muss für uns nicht, da ist ja schon ziemlich viel in der Sojasauce. Dazu haben wir Gurkenquark und Sour Cream gegessen.

Kommt gut in die neue Woche!

Kutschenfahrtraining und Achtung, Flugzeug!

Mit dem Kutschenfahrtraining geht es gut voran. Gestern war ich viele Stunden an der frischen Luft und bin mit meiner Fahrlehrerin durch die Gegend gecruist. Gezogen wurden wir von den braven Stuten, die aber auch wirklich ganz genau merkten, wenn ich die Leinen in die Hand bekam. Sofort wurde die Geschwindigkeit gedrosselt und der „Alles-easy-Gang“ eingelegt. Ich war hochkonzentriert und mit den Fahrleinen beschäftigt, da war kaum noch Platz, die Peitsche richtig einzusetzen und die Pferde anzutreiben. Die Peitsche ersetzt beim Fahren die Sitz- und Schenkelhilfen, die ich beim Reiten sonst mit den Beinen geben kann. Korrekt nach Achenbach gearbeitete Pferde fahren mit Blendklappen. Bei dem Wort weiß ich auch nicht, was ich besser finden soll: Scheuklappen finde ich ungünstig, weil ich keine scheuenden, unkontrollierten Pferde möchte, aber nach der Szene damals in „Slumdog Millionaire“ möchte ich auch keine geblendeten Pferde fahren. Naja. Jedenfalls eine Vokabel, die ich mir gut merken kann. Also, was ich eigentlich sagen will: Wenn die Pferde nur noch vorne gucken können, sehen die ja logischerweise nicht, was hinten passiert. Da die Pferde aber nahezu immer in unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen, muss das langsamere ein bisschen mehr motiviert werden, ohne, dass das schnellere Pferde diese treibende Hilfe mitbekommt und noch eiliger wird. Darum die Blendklappen, darum die Peitsche. Die wird nämlich hinter dem Kammdeckel, jenes Lederstück was einmal rundum den Bauch und Rücken des Pferdes führt, angelegt und soll so das Pferd daran erinnern, ein Brikett mehr in den Ofen zu legen. An dieser Stelle war ich dann aber regelmäßig aus dem Konzept, denn ich muss ja gleichzeitig die Fahrleinen korrekt in der Hand halten und auch bewegen. Da wird die eine Leine über den Handrücken geführt, die andere eingedreht und bei zu langen oder zu kurzen Leinen muss alles Hand-vor-Hand gehen. Das ist alles ganz schön ungewohnt. Ich werde in den kommenden Wochen ganz viel mit den Hundeleinen an der Türklinke üben, bis das sitzt. Vorher geht hier keine Ostfriesin in irgendeine Prüfung!

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Hier seht ihr eine Momentaufnahme des gestrigen Arbeits- und Trainingstages. Wir haben das Boot vom Hafen zum Winterquartier gezogen und sind dann wieder zu den Gästetreffpunkten kutschiert, um Rundfahrten anzubieten. Ich habe das ja schonmal jahrelang gemacht, das war also in vielen Teilen ein sehr heimeliges Gefühl. Gleichzeitig war ich ganz schnell ganz platt, weil „Du büst ja heel nix mehr went“ (du bist ja gar nix mehr gewöhnt). Das Schreibtischtätärätä hinterlässt Konditionsspuren.

Abends haben wir dann noch eine Theorieeinheit durchgezogen, an den braven Ponies „Bock“ und „Böckchen“:

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Wir haben geübt, wann welcher Lederstrang wo und mit welchem Maß ans Pferd kommt, wann und wo die Leinen zusammengebaut werden und wie die verschiedenen Handhaltungen für unterschiedliche Zwecke aussehen. Da merkte ich aber schon, dass, auch wenn nicht ganz lehrbuchkonform, ich im Grunde das Meiste hinbekomme. Jetzt gilt es also, den Feinschliff rein- und die angewöhnten Unarten rauszukriegen.

Ende, Absacker, Bett.

Sehr lange, denn heute haben wir ein sehr gemütlichen Samstag verbracht. Nach einer ganzen Zeit im Bett, bei der ich Großteile des Internets leergelesen habe, haben wir die Räder geschnappt und sind Richtung Italiener aufgebrochen. Der hat sein Restaurant ein gutes Wegstück von uns entfernt und wir haben bei ordentlich Gegenwind eine schöne Radtour gehabt. Ich liebe das Gefühl von Wind am ganzen Körper. Als ich für Studium und Ref. in Gegenden war, wo es weniger Wind gab, ist mir erst aufgefallen, wie wichtig er für mich ist. Klar fahre ich auch lieber mit Rückenwind, aber trotzdem: Am ganzen Körper diesen Drück zu spüren, der mir den Kopf freipustet und mir zeigt, dass er stärker und größer ist als ich, das gefällt mir schon sehr.

Unterwegs habe ich die Knippse in die Gegend gehalten:

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Später haben wir noch eine kleine Tour zum Flugplatz unternommen, wo wir gewarnt wurden:

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Die Flugzeuge fliegen hier tief, also Kopf einziehen. Hab ich gemacht, jedenfalls so halb:

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So schön darf es gerne weitergehen.

Und wie ist der Oktober bei euch?

Hand-vor-Hand

Hui, ist das frisch geworden! Just vor ein paar Minuten kam ich von meiner ersten Kutschenfahrstunde und sitze jetzt bei Tee und Laptop-Akku-Wärme, um die Erlebnisse aufzuschreiben. Seit Jahr und Tag fuhr ich mit der Kutsche durch die Gegend- was hab‘ ich alles falsch gemacht! Nee, Kinners, dat is verloren!

Nun also mal richtig und mit System: Mit dem Leinenspruch rauf auf’s Gefährt, die Peitsche aufnehmen, in die linke Hand zu den Leinen legen, Fahrleinen über den Oberschenkel sortieren, Fußbremse betätigen, Handbremse lösen, Peitsche wieder in die rechte Hand nehmen, aus der Grundhaltung in die Dressurhaltung gehen und anfahren. Die beiden Pferde meiner Fahrlehrerin sind sehr gut gefahrene Tiere, die reagieren auf’s kleinste Bisschen. Dann Kurven fahren, Tempo wechseln, Arme ja nie auf die Knie legen und immer schön die Leinen verkürzen und verlängern nach dem Achenbach’schen System. Wir erinnern uns: Der preußische Feldherr mit Liebe zum Pferd und beamtendeutschen Reglement.

Einmal ins Dorf und zurück, das reicht für einen ersten Muskelkater. Toll ist, dass die Stuten sich wirklich mit ungefähr gar keiner Einwirkung fahren lassen. Nicht so toll ist, dass meine Hände immer noch auf grobmotorisch eingestellt sind und ich mich gewaltig konzentrieren muss, um alles richtig zu machen. Es ist aber eine Freude, wenn es so einfach geht und mein Ehrgeiz, der eigentlich eh nie schläft, ist erneut geweckt, dass ich das zukünftig auch so schön hinbekomme.

Jetzt wärme ich mich auf und dann verlangt die Hundedame ihren täglichen Strandspaziergang. Danach stürze ich mich in die Theorie der „Deutschen Reiterlichen Vereinigung „(FN) (Tut mir leid, aber ich komm über diese Abkürzung echt nicht hinweg.) und ergründe die Tiefen des Fahrsports mit 2-PS-Hafermotor.

Ach, ach, du alter Achenbach!

Als ich noch studierte, und ich kann manchmal nicht fassen, wie irrsinnig schnell sich mein Leben in den letzten vier Jahren von Studierender zu Studienratender gewandelt hat, da habe ich einen Teil meines Studiums mit Kutsche fahren finanziert. Mit zwei starken Kaltbluten bin ich je nach Auftrag vor einen Arbeits-, Plan- oder offenen Wagen getreten, habe eingespannt und dann das transportiert, was der jeweilige Wagen am besten aufnehmen konnte. Kaltblut heißt übrigens nicht, dass die Pferde eine tiefere Körpertemperatur haben, sie sind nur wesentlich gelassener wenn neben ihnen ein Helikopter landet, ein Gast einen Regenschirm aufspannt, eine Schulklasse anfängt zu kreischen oder der Wind mit mehr als acht Stärken Beaufort um die Ohren pfeift. Alles mehrfach empirisch überprüft! Gut, manchmal erinnern sie eher an Statuen als an lauffreudige Zugtiere, aber man kann ja nicht alles sein. Weder die Pferde noch ich.

Eine Lektion, die ich oft gezeigt bekam, wenn ich wieder mal auf dem windigen Bock saß und in die ein oder andere Richtung fuhr, war „Umstände annehmen“. Entweder kam der Wind von hinten oder von vorn, in jede Ritze ist er immer eingedrungen. Dabei habe ich gelernt, dass ich die ganze Zeit auf dem Bock sitzen kann und bibbern und fluchen und noch mehr bibbern oder aber, und das ist ein willentlicher Akt, ich setze mich gerade hin, akzeptiere, wie’s gerade ist und schon fühlt sich das alles gar nicht mehr so kalt an. Und wenn es dann wirklich richtig kalt wurde, bin ich neben den Pferden hergelaufen, das hat uns alle warmgemacht. Annehmen, nachgeben, Haltung haben. Hilft für’s ganze Leben.

Nun ist es aber so, dass der Pferdesport in Deutschland natürlich in Vereinen und Verbänden organisiert ist, wie könnte es auch anders sein. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung wird nicht etwa DRV abgekürzt, nein, da ist man schon ein bisschen kultivierter und nennt sich Fédération Équestre Nationale, was man aber auch nicht FEN abkürzt, sondern, erste hippologische Theorieprüfung bestanden, FN.

Die FN ist also für den Reitsport das, was der Duden für die Rechtschreibung ist: Es gibt zwar noch andere Gesetze, aber was im Duden steht, ist gültig und wenn die FN sagt, dass ich einen Kutschenfahrschein brauche, um Kutsche fahren zu dürfen, dann brauch ich den. Brauchen ja, haben nein. Also absolviere ich derzeit die ersten Theoriestunden für den Kutschenfahrschein. Wir sitzen mit sechs Schülerinnen und Schülern vor der Fahrlehrerin, die uns in die Geheimnisse der Geschirrkunde einweist. Nein, das hat nichts mit Knigge und Rangordnung zu tun, wo das Dessertschälchen zu stehen hat, sondern es geht um die verschiedenen Geschirre, die Pferden aufgelegt werden können. Da fallen dann so schöne Begriffe wie „Oberblattstößel“ oder „Leinenführungsring“ oder auch „Zugstranghalteriemen“. Heute Abend werde ich wieder abgefragt, darum schreibe ich das gerade.

Der andere Teil des Unterrichts beschäftigt sich derzeit mit der korrekten Leinenaufnahme, entwickelt und in die Regelwerke etabliert von Herrn Benno von Achenbach. Praktischerweise hat er das ganze Zeug auch gleich nach sich selbst benannt. Das ist in etwa so, wie bei den Grimm’schen Märchen. Die haben sich auch zu den Großmütterchen gesetzt, ihnen zugehört, die Märchen niedergeschrieben  und dann unter ihrem Namen veröffentlicht. So ähnlich stelle ich mir das auch bei Herrn Achenbach vor. Fährt mit der Postkutsche von Ort zu Ort, begutachtet, was auf den preußischen Äckern so los war und schrieb das auf. Kleine Modifikation und noch knapp hundert Jahre später wird die Ostfriesin im Herbst 2016 nach seinem Namen lernen, die Leinen zu verschnallen und aufzunehmen. Mit korrektem Längenmaß, was sich an der Hosennaht des rechten Oberschenkels orientiert. Jaha, da freut sie sich, die Ostfriesin!

Also, ich lerne jetzt noch ein bisschen und irgendwann in den kommenden Monaten bin ich dann hoffentlich auch endlich offiziell Gespannführerin.

Ich kann Kreise reiten!

Gestern in der Reitstunde meinte die Reitlehrerin zu mir: „Wir versuchen das heute mal ohne Laufferzügel.“

Laufferzügel, für alle Nicht-Hippologen, sind Hilfszügel, die zusätzlich zu den Trensenzügeln (das sind die Dinger, die man beim Reiten in der Hand hat) am Pferd verschnallt werden können und einige Funktionen übernehmen. Im Falle des Schulpferdes hilft der Laufferzügel, dass das Pferd den Kopf eher weiter unten trägt. Mir hilft der Laufferzügel, weil ich noch nicht in allen Gangarten und beim Tempowechsel ganz gleichmäßig und ruhig die Verbindung zum Pferdemaul halten kann. Oder vielleicht doch? Immerhin haben wir gestern ohne Laufferzügel begonnen.

Ich mag an dem Unterricht, dass ich in meinem Tempo lernen kann. Meine Reitlehrerin  hat viel Geduld mit mir und in den Einzelstunden hat sie auch die Zeit, mich genau zu beobachten. Gestern begannen wir wie üblich mit der Schrittarbeit, um das Pferd zu lösen. In dieser Phase der Reitstunde ähnelt die Bewegung dem Dehnen bei anderen Sportarten, zum Beispiel vor dem Joggen. Hierbei versuche ich, das Pferd dahin zu treiben, dass es sich je nach Reitrichtung (die Reitersleute sprechen dann von „rechte Hand“ und „linke Hand“, je nachdem, welche Hand nach „Innen“, also in die Reitplatzmitte, zeigt) um meinen inneren Schenkel biegt. Idealerweise beschreibt der Pferdekörper dann von oben betrachtet einen Bogen, bei dem Kopf und Hinterteil weiter nach innen zeigen, während der Bauch sich eher nach außen wölbt. Je nach „Bauart“ des Pferdes können die Tiere das unterschiedlich gut. Im Falle meines Schulpferdes geht das so mittelgut. Er hat einen ziemlich langen Rücken und muss sich bei einer Biegung im Körper natürlich mehr anstrengen, als ein Pferd mit einem kürzeren Rücken. Edit: Das ist Quatsch, denn tendenziell müsste er sich besser als ein kurzes Pferd biegen können, aber die guten Nerven und seine große Geduld machen ihn zwar einerseits zu einem super Schulpferd, bescheren ihm aber andererseits auch viele Menschen wie mich, die das Stellen und Biegen auch erst noch erlernen müssen und das macht ihn manchmal ein bisschen steif. Die Schwierigkeit liegt nämlich darin, dass das innere Hinterbein des Pferdes möglichst weit unter den Bauch schwingen sollte, von dem ich ja gleichzeitig möchte, dass der so ein bisschen nach außen zeigt. Wenn alles klappt, dann dehnt das Pferd dabei seine äußere Seite (also die, die zur Reitbande zeigt). Und wenn dann auch noch der Kopf des Pferde so locker ist, dass die Nase eher nach vorne-unten als nach hinten-oben zeigt, kann das Pferd auch die Rückenmuskulatur lockern.

Klingt kompliziert? Find ich auch. Aber, und das ist das Gute an dem ruhigen und erklärendem Reitunterricht, ich kapiere langsam immer besser, wie das gemeint ist. Wenn es mir dann gelingt, das Pferd durch Treibhilfen und Stellung wirklich in eine Biegung zu bekommen, wird das Reiten schlagartig sehr viel schöner und harmonischer. Das ist echt verrückt, aber ganz, ganz toll. Das Schulpferd ist natürlich ein schlauer Fuchs und denkt sich: „Ach, Reiterin. Kenn‘ ich. Erleb ich jeden Tag zwei Stück von. Ich latsche jetzt erstmal so meiner Wege und wenn du dich nicht durchsetzen kannst, bleibt es für mich gemütlich und für dich schweißtreibend. Ist doch ’n Deal, oder?“

Dem Pferd geht’s da nämlich wie mir, ich weiß, wie gut mir das Rückenyoga tut, aber ich gucke lieber Sheldon Cooper oder McDreamy bei ihren Tätigkeiten zu. Darum arbeitet meine Reitlehrerin auch meistens mit den Hilfszügeln. Sie helfen dem Pferd, schneller seine körperlich gesunde Richtung zu finden und nicht länger in der „gemütlichen“ Schonhaltung zu bleiben. Jetzt war aber gestern der Zeitpunkt günstig, es mal ohne auszuprobieren. Die Sonne schien, das Pferd war ausgeschlafen, die Reitbahn frisch abgezogen, also perfekte Bedingungen für ein Erfolgserlebnis. Das tolle Schulpferd hat es mir auch gegönnt und ich konnte die Stellung und Biegung in allen drei Grundarten erreichen. Ohne Laufferzügel.

Am Ende der Stunde reckte ich stolz die Schumi-Faust in den blauen Himmel und rief: „Ich kann Kreise reiten!“

 

Endlich wieder „Eau de Cheval“

Nach der Sommerpause habe ich gestern den Reitunterricht wieder aufgenommen und was soll ich sagen? Es war wunderbar! Seit gut eineinhalb Jahren reite ich in dem Betrieb und es ist der erste, wo ich endlich genau den Unterricht bekomme, den ich mir schon immer wünsche.

Die Arbeit und die Fernehe haben in den letzten Jahren das Halten eines eigenen Pferdes deutlich schwer gemacht und als mich letztes Jahr meine alte Stute Richtung Pferdehimmel verlassen musste, war klar, dass es erstmal und in der bisherigen Form kein neues Pferd gibt.

2014-10-28 10.58.04

Mein kleines Trampeltier war eine sehr treue Seele und ich bin froh, dass wir uns so lange hatten. Aber sie war eher ein Arbeits- als ein Reitpferd und da ich nicht völlig verspannen wollte, musste eine Alternative zum Schreibtischsitzen her.

In dem Betrieb, in dem ich jetzt reite, gibt es tolle Schulpferde, die regelmäßig Korrektur geritten werden und um die sich die ganze Belegschaft sehr gut kümmert. Die Schulpferde haben eine qualitativ hochwertige Ausstattung, genau wie die Privatpferde, und erhalten die gleichen Behandlungen von Tierärzten, Ostheopathinnen und dergleichen. Wenn ein Schulpferd mal ein Zipperlein hat, gibt es eine Pause. Wenn ein Pferd für den Schulbetrieb nicht mehr gut geeignet ist, dann wird es solange behalten, bis ein gutes Zuhause gefunden ist. Meine ausgebildete Reitlehrerin arbeitet dort Vollzeit und ich gönne mir den Luxus von Einzelreitstunden bei ihr. Dann bekomme ich ein Headset auf und sie nimmt sich die ganze lange Bande Zeit, meine Schultern und und Hüften genau zu beobachten und zu kommentieren („Linke Schulter fallenlassen. Schieb deine innere Hüfte nach vorne…“). Weil ich wegen des Headsets nicht immer mit einem Ohr Richtung Reitlehrerin horchen muss und dabei Schultern und Becken wieder verdrehen würde, habe ich im vergangenen Jahr wirklich Fortschritte in Sitz und Haltung machen können. Die Reitlehrerin kommentiert alles ruhig und sachlich und erklärt genau, wieso und weshalb ich jetzt bitte dieses oder jenes tun oder lassen sollte. Da ist nix mehr mit früherem Kasernenton oder stupiden Befehlen ohne Hintergrundwissen. „Brust raus, Bauch rein, Hacken runter!“, war früher. Jetzt ist: „Du musst das Pferd am äußeren Zügel führen. Die innere Hand spielt aus dem Handgelenk heraus und fordert die Stellung. Zu viel Stellung ist nicht gut, dann verspannt dein Pferd. Darum bietest du mit der äußeren Hand einen Rahmen. Wenn sich die Halsmuskulatur richtig raushebt und du das innere Auge schimmern sehen kannst, hast du genug Stellung. Denk dran: Du musst das Pferd von hinten nach vorne arbeiten. Du kannst vorne nichts verlangen, was du hinten nicht vorbereitet hast. Erst hinten aktivieren, dann vorne begrenzen.

Also, zugehört habe ich. Der Sinn erschließt sich mir auch. Nur meine Koordination ist oft noch weit von Umsetzung entfernt.

Das Schulpferd, dass ich dort reite, ist super. Er ist gut ausgebildet und geduldig mit all den Fehlern, die ich so mache. Wenn ich aber etwas richtig hinbekomme, ist er sofort da und belohnt mich mit schönen Schritten, die ich gut sitzen kann. Wenn wir beide mal im Flow sind, bringt mich das die ganze restliche Woche zum Strahlen. Das ist manchmal schon der eine schöne Zirkel, der mir willentlich und nicht zufällig geglückt ist. Wenn nicht, dann ist es aber auch nicht schlimm, denn das Reiten bringt mich voll und ganz weg von der Arbeit und direkt in das „Hier und Jetzt“.

Meine Reitlehrerin hätte ich gerne schon zwanzig Jahre früher kennengelernt, aber da haben wir beide noch die Schulbank gedrückt. Jetzt ist dieser Betrieb für mich eine echt tolle Gelegenheit, richtig Reiten zu lernen. Mein Ziel ist es, dass ich ein Pferd so gut gymnastizieren kann, dass es mich lange und ohne Schmerzen tragen kann. Denn irgendwann möchte ich schon ganz gerne wieder ein eigenes Pferd haben. Lieber in näherer als in ferner Zukunft. Bis dahin heißt es aber ab jetzt wieder regelmäßig: „Atmen nicht vergessen! Du kannst nur locker sitzen, wenn du locker bist! Die positive Grundspannung ist keine Verspannung!“