Wonnemonat Mai

Es dauert ja immer ein bisschen, bis hier wieder etwas steht, das liegt daran, dass das RL („Dat is real life, Froo Ostfreesin, weeten’s Bescheed?“) einfach so proppenvoll und schön ist. Manchmal denke ich, ich sollte das noch viel mehr aufschreiben, damit ich das auch noch weiß, wenn sich das Leben mal novembergrau-arbeitsgetürmt-zerfasert anfühlt. Aber nu, besser ein bisschen was, als gar nix.

Nachdem ich im letzten Beitrag wohlgemut in der Arbeit ertrunken bin, dort am Boden des Korrekturozeans versank, kam plötzlich der Mai und zog mich hoch. Mit den vielen Feiertagen, Sportfesten, mündliche-Prüfungen-protokollieren, Brückentag undsoweiterundsofort war es zwar nicht einfach, die Test-Termine richtig zu setzen, aber es hat geklappt. Hier in Niedersachsen ist schon ziemlich Schuljahresendspurt und das macht sich überall bemerkbar: Reizende Rhinozerosse stampfen durch die Lehrerzimmer, der Akku schon überall recht leer, die Schreibtische sehen verheerend aus, die Kollegin erwartet Applaus für das Anstellen der Spülmaschine, die Zeugniskonferenzen finden dieser Tage bereits statt, die Kinder rennen kurzärmelig herum (wenn die Kleidung denn überhaupt Ärmel hat) und über allem summt schon die Vorahnung der Sommerferien. Da schießen die Projekttage aus dem Boden wie andernorts die Pilze, da muss nochmal ein Jahrgangsausflug organisiert werden und die Verabschiedung der Pensionäre rückt näher. Ob wir da nicht noch was basteln wollen? Ach, und die schwangere Kollegin ist gar nicht mehr schwanger. Ob die sich wohl über einen Strampler freut?

Was der Mai auch kann: Familienzusammenkünfte. Das war diesen Monat wirklich besonders schön, endlich mal wieder die auch etwas weiter entfernte Verwandtschaft zu sehen und zu sprechen. Muttertag, Himmelfahrt, Pizzaabend… da waren in dieser oft sprachlosen Familie aufeinmal doch ganz viele Themen. Und über die meisten konnten wir uns sogar austauschen.

IMG_6641

Wetter! Wetter kann der Mai auch. Die Bäume und Büsche und Blumen sind innerhalb von wenigen Stunden explodiert und alles strotzt vor Kraft. Da isses nur noch schön und ich will raus, das Hundetier dabei.

Eheglück! Auch nach fast zehn Jahren Beziehung. Ich liebe dich wie Hulle!

Es ist alles nur in meinem Kopf…

Was mache ich hier eigentlich? ‚N Blogartikel schreiben. Geht das denn? Kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren?

Da liegen doch noch 16 Abschlussklausuren, die auf die Zweitkorrektur warten. Und außerdem müssen die Zeugnisnoten und Lernberichte langsam mal geschrieben werden, denn minus Himmelfahrt und Pfingsten sind es nur noch gefühlte drei Tage, bis wieder der Konferenz-Wahnsinn losgeht. Die Lektüre! Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“, Novellen-Merkmale, zackzack. Einmal runterbeten, abfragen und bewerten. Sowieso, endlich mal mehr Engagement zeigen! Der demokratische Wandel erfasst Ostfriesland und der Elternwille hat gezeigt, dass die Schulform, an der ich arbeite, nicht ankommt. Da muss doch mal eine Flagge zeigen und zur Außendarstellung etwas beitragen. Jetzt schreib doch mal einen Artikel für die Schulhomepage. Denk auch an das Bildmaterial, sonst ist es zu langweilig. Aber, tut uns Leid, Ostfriesin, dein supererfolgreiches Sprachförderkonzept, ne du, dass müssen wir einstampfen. Sparzwang vom Ministerium.

Ach, das ist noch gar nicht alles? Stimmt, da warten ja auch noch die lieben Kinderlein mit ihrem diagnostizierten Statuten: ME, GE, ESE, ADS, Autismus, Hörschädigung, Fluchthintergrund, Scheidungseltern, Pubertät. Und die ganz „normalen“ Schülerinnen und Schüler. Die, die sich mit Selbstzweifeln oder Größenfantasien plagen. Die, die so gerne mal ein Markenshirt anziehen wollen, aber bei denen das Geld dafür fehlt. Wie, du hast nichts von X und Y? Wie bist du denn drauf? Und dein Handy, Alter, das ist ja sowas von Steinzeit… Ach, du gehörst zu den Schülern, die einfach mal komplett keinen Bock auf Deutsch haben? Das soll ich also einfach mal wegunterrichten? Wozu denn auf die Persönlichkeit der Schülerin eingehen? Die hat die doch noch gar nicht, die bekommt sie doch erst durch unseren Bildungskanon! Mensch, Ostfriesin, dass du das nicht verstehen willst.

Jetzt aber hopp, hopp. Die Korreeektuuuhuur! Bevor „Grey’s Anatomy“ anfängt musst du noch zehn Stück schaffen. Das ist ja wohl mal klar. Wenn nicht: Du Niete, ey! Lehrerinnen sind doch alle faule Säcke. Sagte Schröder schon. Der wusste, wovon er sprach!

Komm mir jetzt nicht mit „Mimimi, aber ich hab doch heute sechs Stunden unterrichtet! Und das auch noch mit binnendifferenzierten Unterrichtsmaterial. Außerdem habe ich mich mit einer Kollegin auf eine Sitzung vorbereitet, die für die Zukunft der Schule wichtig ist!“

Korrigiert soll hier werden! Schnallst du das nicht?

Jaja, die Vorgesetzte, die hat dir gestern noch einen reingewürgt. Hättste dir mal nicht reinwürgen lassen sollen! Nächstes Mal sagst du ihr einfach, was du alles gemacht hast und dann soll sie mal sagen, was daran falsch oder unerledigt war. Dumm nur, dass sie das Spiel nicht mitspielt, sondern einen Flunsch zieht und dir sagt, dass du DA aber nicht dran gedacht hast.

Herr. Hirn. Himmel. Schnell!

…und dann singt Tim Bendzko mir vor, wo es ist: „Alles nur in deinem Kopf! Es ist alles nur in deinem Kopf!“

*geht wieder auf Tauchstation*

ABM: Arbeit, blauer März

Da isser nun, der Frühling. So richtig echt mit Narzissen, Tulpen und Ranunkeln. Die Vögel zwitschern es raus, unserem Haus gegenüber wohnt eine Amsel, die über den Winter sehr viel geübt hat und nun von früh bis spät ihrem Herzen Luft macht. Der Hund kullert im Garten und bittet darum, die Decke in die Sonne gelegt zu bekommen. Der Insulaner trägt kurze Hosen in der Mittagszeit und streicht ein wenig herum.

Derweil: Ich arbeite. Viel. Neben dem Unterricht, der grundsätzlich mal gar nicht zu unterschätzen ist, gab es im März einen plattdeutschen Vorlesewettbewerb, eine Theateraufführung meiner DaZ-Knirpse, Konferenzen ohne Ende, Informationstage für Eltern hoffentlich kommender Schüler, Konferenzen, Dienstversammlungen und Fortbildungen, dazu Arbeitskreise und Konferenzen. Jetzt noch schnell eine Deutscharbeit zum Korrigieren mit in die Osterferien nehmen, dort noch eben einen Haufen Bilder bewerten, dann das Schuljahresende planen (vier Wochen! Dann müssen schon alle Noten stehen!) und zack, ist die Energie futsch.

Am Abend liege ich im Bett und frage den Mann, warum ich eigentlich so k.o. bin. Bekomme einen Vortrag, der den inneren Schröder’schen-„Lehrer sind alle faule Säcke“-Schweinehund an die Kette legt.

Kann nicht schlafen. Ein Gedankenwurm kriecht über die Bettdecke: Wie soll ich denn meinen Inklusionskindern einerseits und den sehr begabten Kindern andererseits gleichzeitig Gotffried Kellers Nebensätze dritter Ordnung erklären? Und sie auch noch für die Schönheit dieser Satzkonstrukte begeistern? Dann spackt der Kollege wieder rum, weil er angeblich eine Information nicht rechtzeitig erhalten hat. Bin ich darum ne miese Kollegin, weil ich ihm nicht als allererstes informiert habe? Müssen Orchideenfach-Kollegen zusammenhalten? Der unbegleitete minderjährige Flüchtling, der im vergangenen Jahr einfach nicht in die Klasse reingewachsen ist, ist abgängig. Wie kann das Jugendamt so ein Behördendeutsch für einen verschwundenen Jugendlichen einsetzen? Wahrscheinlich kann man nur so denken, sonst nimmt das Chaos überhand. Hab ich eigentlich meinen Beitrag zum Geschenk für die schwangere Kollegin schon bezahlt? Das Elterngespräch vorgestern lief ja nicht so gut, wie das Kind das wohl wegsteckt?

Müde. Ferien. Bald. Wie sagte neulich jemand: Ich werde so dermaßen eskalieren, ich brauche danach bestimmt neue Hausschuhe.

Winterschlaf

Hallo Welt!

Hier meldet sich die Ostfriesin, ich weiß, du hast lange nichts von mir gehört. Verzeih, bitte!

Wie das kam? Das kam so:

Vergangenes Jahr, so um Ostern, haben der Mann und ich beschlossen, ein Haus zu kaufen. Das haben wir dann auch direkt mal gemacht und damit kam viel Schönes und Anstrengendes auf uns zu. Wir haben uns für Heizungszeug, Fußböden, Türen, Fenster, Küche, Bäder, Farben, Tapeten und Bodenbeläge entschieden, die passenden Handwerker dazu gesucht, viel über Estrich gelernt (bitte keine Nachfragen dazu, ich werd jetzt noch nervös, wenn ich nur an die Trocknungszeit denke) und zwischen Arbeit, Fernbeziehung und Bauaufsicht versucht, uns nicht aus den Augen zu verlieren.

Inzwischen leben wir aber in diesem Häuschen und freuen uns jeden Tag, wie schön es geworden ist. Morgens mache ich die Augen auf und denke: Boah, schön hier. Der zweite Gedanke ist dann: Haste dir ja selbst ausgesucht. Das ist ziemlich cool!

Dann hat der Insulaner sich beruflich verändert und wir können nach Äonen von Fernbeziehung endlich zusammenleben. Das ist ja so toll! Ich weiß jetzt, warum die meisten mit dem Modell „Wochenendliebe“ hadern. Naja, und das mussten und müssen wir ja auch erstmal ausgiebig genießen. Also wieder nix mit Blog und so.

Tja, plötzlich stand dann die Fahrprüfung vor der Tür und was soll ich sagen? Deutschland hat jetzt eine offiziell anerkannte Kutscherin mehr. Wir verbrachten ein Wochenende auf dem Ponyhof und cruisten von dort zur Generalprobe und zum Prüfungsgelände. Das ist im Winter und mit Baudruck (ESTRICH!!) jetzt auch nicht soooo entspannend, welch Überraschung.

Aufeinmal wurde es mitten im Winter hell um uns, das lag aber nicht am Klimawandel, sondern an Weihnachten und den Lichterketten. Wieder nix mit Bloggen, Besinnlichkeit und Durchatmen und an Silvester dem armen Hund beistehen. Silversterknaller schön und gut, aber müssen die gleich eine Woche durchballern? Die Punktedame hat ganz schön gelitten und wir mit ihr.

IMG_5796

Neues Jahr, neues Glück, kein Blog. Weil? Weil!

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ich habe das große Glück, an vielen Lebensentwürfen teilnehmen zu dürfen. Kinder und Jugendliche sind inspirierend und dass ich beruflich Zeit mit ihnen verbringen darf, macht mich stolz und froh. Aber, ja auch hier ein aber, es zerrt auch wirklich an den Nerven, immer um die bestmögliche Lösung zu ringen. Mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Kolleginnen und Kollegen, mit Erlassen, Konzepten und Richtlinien. Das reibt mich manchmal ganz schön auf. So sehr, dass ich dann erstmal Komaschlafen muss, damit meine Synapsen sich wieder sortieren können. Was tue ich dann nicht? Richtig. Bloggen.

Und warum, liebe Ostfriesin, willst du das jetzt wieder ändern?

Weil ich Lust drauf habe! Die Tage werden wieder länger, die Kamera ist frisch poliert, meine Nerven schreien nach Beschäftigung und die Schule kann mich ja nicht immer haben. Nun versuche ich erneut mein Glück und würde mich sehr, sehr freuen, wenn ihr mit dabei seid!

Immer eine Handbreit Wasser unter’m Kiel wünscht

die Ostfriesin

IMG_5858

Was bisher geschah, 03.10.2016

Liebe Leute,

ICH.HATTE.KEINE.LUST.ZU.SCHREIBEN.

In den vergangenen 17-blogartikelfreien Tagen ist so viel passiert, dass ich schlicht keine Muße mehr hatte, einen Eintrag darüber zu verfassen. Natürlich saß da schon so ein kleines Monsterchen auf meiner Schulter, das mir ins Ohr flüsterte:„Regelmäßig bloggen bringt Leserschaft!“, „Du musst deine Gedanken doch auch loswerden!“, „Fotografiert hast du auch schon lange nicht mehr!“, „Warum fängst du hochmotiviert an, mich zu schreiben und lässt mich dann eiskalt links liegen? Bin ich ne Ananas-Diät oder was?“ und „Denk mal über Suchmaschinenoptimierung nach! Und Cookies! Kekse sind alles!“

Tja, gedacht, gehört, liegengelassen. Die Toten-Stellung aus dem Yoga direkt transferiert und eingenommen.

Aber, falls das jemand wissen möchte, so ging es nach unserem Synapsenhoch-leistungstraining weiter: Die Baustelle ist nach wie vor eine. Bei den meisten Handwerkern hatten wir Glück, aber irgendwas ist ja immer, darum ist ob fehlender Gummirohr-Abroll-Halterung die Fußbodenheizung noch nicht verlegt und ob mangelnder Arbeitszeitorganisation der Fliesenleger noch nicht bestellt. Außerdem fehlen noch die Maurer, die die Löcher der alten Heizkörper zumauern und der Schornsteinfeger hat uns ein dreiseitiges Aufgabenheft mitgegeben, was wir für den wasserführenden Kaminofen noch brauchen. Plus ungebetenen Ratschlag, dass das ja vielleicht nicht ganz klug von uns überlegt sei. „Doch, mein kleiner Freund, isses. Aber eben anders, als du denkst.“

Meine Sprachlernklasse ist super. Bei allen Pubertätshormonen und Rumgezappel ist die Truppe doch immer noch MEINE KLASSE. In ganz Ostfriesland wird gestöhnt, weil das ja so viel Arbeit macht und die verstehen doch nix und dann haben wir gar kein Material und außerdem fehlt der Einsatz der Schulleitung und die hauen sich gegenseitig und wenn die traumatisiert sind und ich sprech doch gar kein, Achtung, „syrisch“ und was-sollen-wir-denn-noch-alles-machen und früher-war-alles-besser und dafür-bin-ich-nicht-ausgebildet und die-haben-doch-nix undsoweiterundsofort. In ganz Ostfriesland? Nein, an einer Schule unterrichtet Frau Ostfriesin mit Leidenschaft und sieht: Die wollen und können bald auch und bis dahin behelfen wir uns mit Hand und Fuß und der Eine erzählt ganz stolz, dass sein Papa schon B1-Niveau kann und jetzt den Führerschein geschafft hat, in der Theorie sogar mit Null Fehlern und dass er jetzt Arbeit gefunden hat und die Andere erzählt, dass sie so gerne schwimmen lernen möchte und außerdem wollen sie wissen, wie das nochmal funktioniert mit der Demokratie und ob wirklich Männer und Männer und Frauen und Frauen heiraten können, weil, in ihrem Land ist das „Haram“, aber ist ja schön, wenn hier Frieden ist und das sagen sie auch ihren Verwandten, die noch in den Kriegsgebieten leben und dann schweigen wir alle kurz und gucken uns an und atmen tief und sagen:„Wenn mein Land wieder Frieden hat, dann will ich zurück und es wieder aufbauen und dann muss ich was können, also will ich lernen!“ und dann ist da die Eine, 10 Jahre nur gelebt, aber kein Input und kaum ist die ein Jahr in der Schule, schon kann sie lesen und schreiben und Fragen stellen und an den richtigen Stellen mit den Augen rollen, weil sie nämlich jetzt auch ironisch kann und dann, ja dann hat die Frau Ostfriesin auch noch Geburtstag, was sie aber nicht gesagt hat, die olle Kuh, darum machen wir erst einen Tag später Kuchenparty, dafür aber fünf Stück und alle selbstgebacken und dann ist es auch gar nicht mehr schlimm, wenn der Eine vor dem Bio-Test ein bisschen Muffensausen hat, denn er hat einfach noch nicht alle Vokabeln gelernt. „Pansen, Labmagen, Wiederkäuer, Huftier…“ schallt es durch den Raum und auf der anderen Seite wird gerade Mathe gepaukt. Denn: „Frau Ostfriesin, kann ich die Mathe, nur Dezimalkomma kann ich nich. Helfen Sie?“ Oh nein, mein liebes Kind, da bist du an der falschen Adresse, aber ich ruf mal im Flüchtlingshilfeverein an, vielleicht kann dir jemand Nachhilfe geben…

Und Familienwunsch. Und Früh-Abort-Trauer. Und Gespräche. Und Arzttermine. Und plötzlich Klarheit: Kinderwunschbehandlung fällt aus wegen: „Ich will mich nicht pathologisieren lassen!“ und Verhütung fällt aus wegen: „In zehn Jahren will ich nicht denken, dass es vielleicht doch geklappt hätte.“ und auf einmal ist da ganz viel Kraft und Schönheit und der sichere Gedanke, dass ich mit niemandem sonst, außer mit meinem großartigem Ehemann über diese Dinge nachdenken will. Und das es verdammt noch mal ein riesiges Glück ist, dass wir uns haben dürfen und das wiegt so schwer und so tief in den Seelen, dass der Himmel voller Geigen hängt und wir vor lauter Kuscheligkeit die Welt um uns vergessen und dann ist da noch das Lieblingstier, dass nach einer Schwächephase wieder auflebt und mit ihren Ohren, Augen, Körper so vielseitig mit uns kommuniziert und das ist dann das ganz große Glück!

Synapsenhochleistungstraining

Der Mann und ich taumeln. Auf ganz unterschiedliche Arten werden wir gerade beansprucht und manchmal wissen wir nicht, wie wir alles denken sollen. Die Wahlergebnisse des letzten Sonntags ernüchtern, denn da sind Menschen gewählt worden, die bisher nicht durch ihre Wertevermittlung oder durch respektvolles Miteinander aufgefallen sind. Was sagt dass denn über die Wählerinnen und Wähler aus?

In meiner Sprachlernklasse sehe ich so viel Hoffnung und strahlende Augen, gleichzeitig höre und sehe ich in den Nachrichten einen Vormarsch von rechten Gedanken, dass mir davon ganz schwindelig wird. Ich sehe so viel Kraft und Stärke und Willen in meinen Schülerinnen und Schülern und ihnen gegenüber stehen Intoleranz, Aberkennung und Unmut. Dieses Spannungsfeld drückt auf mich.

Die Gruppe, die sich für eine Schulinnovation einsetzt, ist noch nicht bei einer handlungsorientierten Gesprächskultur angekommen und weil in mir eine wahnsinnige Mischung aus Ungeduld und Idealismus und Empfindsamkeit tobt, macht mir das ganz schön viel aus. Ich habe da GEFÜHL (das heißt nicht, dass es so ist, Schulz von Thuns vier-Ohren-Modell lässt grüßen), dass ich dort etwas sage, aber nicht gehört werde.

Wir haben ein Haus gekauft, das derzeit umgebaut wird. So weit, so schön. Alles ist ausgewählt, bestellt, mit Lieferzeiten berücksichtigt und kommuniziert. Die Handwerker sind freundlich, gut gelaunt und fleißig. Bis auf die eine berühmte Ausnahme, die kostet dafür aber so viel Energie, wie alle anderen zusammen.

Dann hat sich gestern die ältliche Nachbarin beschwert. Massiv. Und wir? Springen sofort darauf an und haben ein furchtbar schlechtes Gewissen. Statt durchzuatmen und zu sagen: „Okay, tut uns leid, is‘ aber gerade so, zur Einweihungsfete sind Sie herzlich eingeladen!“, im Kopf eher: „Hilfe, wir haben einen Fehler gemacht, das wird jetzt auf immer und ewig alles total schlimm und auch noch unsere Schuld sein!“

Die berufliche Situation des Mannes ändert sich ganz massiv. Das haben wir uns gewünscht und so gewollt und von sehr langer Hand geplant. Trotzdem ist diese Veränderung auch in unserem System eine gewaltige Umwälzung. Das, was der Lieblingsinsulaner in den letzten Jahren getan hat, halte ich für absolut großartig. Unabhängig von meiner Voreingenommenheit sprechen auch alle Ergebnisse für diese Einschätzung. Das berufliche Umfeld, dass er jetzt verlässt, sieht aber nur ein „Du machst nicht weiter, darum bist du doof und wir finden dich kacke.“ Vielleicht ist das ein dynamischer Prozess, der so sein muss, aber es schmerzt schon sehr. Auch mich, denn in den vergangenen Jahren hat die Arbeit auch in unserem Privatleben sehr viel Raum eingenommen.

Und jetzt sitzen wir hier, die Körper wach und unternehmungslustig, allein die Köpfe sind so schwer. Wenn ich uns gerade zeichnen sollte, dann wären wir Kopffüßler, so wie diese Kinderbilder, auf denen Menschen aus riesigem, unförmigem, kartoffelähnlichem Kopf und strichdünnen Extremitäten bestehen. Da ist gerade wenig Gleichgewicht zwischen Hirn, Herz und Bauch.

Diese Phase des „nicht Fisch, nicht Fleisch“-Seins muss bald ein Ende finden. Nur wo ist die Reißleine? Und was kommt dann?

Zugvogel. Das müsste man sein. So wie in dem Lied von Thees Uhlmann:

„Und die Vögel werden fliegen, bis sie sicher sind“

img_4214

„Raus“ „Abe…“ „Raus!“

Hiermit gebe ich offiziell bekannt: Ich bin der Drachen der Aufsicht. Dieser Beitrag entsteht während der Mittagspausenaufsicht. Ungeliebt, aber ungefähr 100 Mal besser als die Frühaufsicht. Oder 1000 Mal. Frühes Aufstehen und dann im Dunkeln hocken, während die müden Gesichter langsam reintrudeln, während ich noch geistig im Lummerland tappe, ist deutlich ätzender, als in der Mittagspause am Treppenrand zu sitzen und mit dem Zeigefinger den Weg nach draußen zu zeigen.

Ist ja nicht so, dass wir das erst gestern eingeführt hätten. Ne, das läuft schon länger so, aber ach, man kann es ja mal ausprobieren. „Darf ich nicht zum Klo/ in den Ruheraum/ in die Chillzone/ zu meinem Portemonaie/ zu meinem Freund/ zu meiner Lehrerin/ mein Geld wegbringen/ mein Geld holen?“ „Nein. Du hattest 25 Minuten Zeit dafür, jetzt ist Draußenpause angesagt.“ Wie die Vampire, ey. Kein Licht, kein Sauerstoff, kein Deo.

Und ich? Ich sitze hier wie Frau Malzahn, weit davon entfernt, ein „goldener Drache der Weisheit“ zu werden. Stattdessen: Tagträume von geräuscharmen Orten mit funktionierenden Kopierern und knackigen Absprachen. Sagt einem ja auch keiner während des Studiums: „Sehr geehrte Studierende! In der Schule erwartet sie ein Umfeld, dass in nächster Verwandtschaft zum Turbinen-Prüfzentrum eines namhaften Flugzeugherstellers steht. Wenn Sie bei lautem Gebrüll/Krach/Gefurze nicht so sehr schnell denken und auf alle pädagogischen Eventualitäten reagieren können, überdenken Sie Ihre Berufswahl. Schnell!!“

 

Diese Rotzlöffel!

Da mache ich und tue ich und beantworte jede noch so beknackte Frage, weil ich mir denke, dass eine laut gestellte Frage immer noch besser als unwissendes Schweigen ist, und wie dankt die Bande mir das? Mit einem Benehmen, das wirklich wenig Erziehung und Anstand bezeugt.

So.

Ich will jetzt auch endlich mal wie die Lehrkräfte der vergangenen zweieinhalbtausend Jahre über die „Jugend von heute“ sprechen. Mangels eigener Kinder brauche ich auch nicht das Mantra vorbeten „Es ist nur eine Phase, es ist nur eine Phase“. Ich geb‘ die am Ende eines Schultages wieder ab. Den ein oder anderem habe ich dann etwas in sein Heft geschrieben, bei wiederholtem Vorkommen auch in die Schülerakte.

Allein: Es nützt nichts.

Ich mag diese Klasse wirklich gerne und bin damit meistens allein auf weiter Flur. Im Lehrerzimmer ist sie gerne Thema und wie wir von den Absatzzahlen der Klatschpresse wissen, sind es nicht die braven, unschuldigen Themen, die die Verkaufszahlen nach oben schnellen lassen.

Äh, wo war ich? Ach, die Klasse. Wir kennen uns jetzt aber schon das vierte Schuljahr und haben auch einiges schon durchgestanden. In den allermeisten Fällen können wir uns aufeinander verlassen, aber im Moment möchte ich sie alle gerne… Unkraut zupfen, Heu stapeln, Straßen pflastern, Akten sortieren, im Schraubenlager Inventur machen oder Kindergeburstage als Animateure durchstehen lassen. Also auf jeden Fall etwas, wo sie sich wirklich anstrengen müssen. Vielleicht hülfe das, die Chancen, die in wirklich vielseitigen Lernsettings stecken, anzunehmen. Oder zumindest in der Phase der Präsentation der Gruppenarbeitsergebnisse nicht anzufangen, sich im Mastubieren zu üben (angezogen, so schlimm isses noch nicht) oder andere Unflätigkeiten von sich zu geben. Ein bisschen mehr Respekt gegenseitig und gerade der Klassengemeinschaft gegenüber.

Man, war ich genervt. Ich habe direkt die Gruppenarbeit abgebrochen und ihnen einen Einzel-Schreibauftrag gegeben. Und eine Moralpredigt. Moralpredigten kann ich ziemlich gut, sogar mit eingeschobenen Nebensätzen während des Monologs und ja, ich merke sogar, wie sich dabei meine Brille senkt und die Augenbraue hochgeht.

Das ich sie aber heute nicht gegrüßt habe, als sie von mir Nachhilfe in der Artenbestimmung von Nutzpflanzen haben wollten, das hat sie dann doch geprellt.

Leute, ihr nervt mich. Aber ich geb‘ euch nicht auf. Der nächste Text kommt und an dem werden wir beispielhaft Probleme erörtern und Lösungen erarbeiten. SO.LANGE.BIS.IHR.ETWAS.MEHR.RESPEKT.ZEIGT!

Ach, Dativ, jaja

Meine Sprachlernklasse macht mir ja sehr viel Freude. Es wird viel gelacht und erzählt, die Anweisungen und Informationen fliegen in vielerlei Sprachen durch den Raum und mit großer Emsigkeit werden die Arbeitsaufträge bearbeitet. Gut, nicht immer so, wie ich mir das inhaltlich vorgestellt habe, aber es passiert etwas. Die Ergebnisse sind sehenswert und ich erlebe gerne, was sonst noch so aus dem Material zu fertigen ist. Das zeigt mir täglich, dass ich nicht die Deutungshoheit über den Lernweg habe, was ’ne gute Sache ist. Heute hat mich ein Geschwisterpaar überrascht, als wir Wortarten übten, und das kam so:

Damit nicht nur der mündliche Spracherwerb voranschreitet, müssen meine Herzis ziemlich zügig auch die korrekte Schreibung lernen. Weil sie nicht mehr ganz junge Lernende sind, werden grammatikalische Strukturen wichtiger für den Schriftspracherwerb. Bevor ich anfing, Sprachlernende zu unterrichten, habe ich mir ziemlich wenig Gedanken über Umgangs- und Bildungssprache oder den Unterschied von konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit gemacht. Seit ich aber „Deutsch als Zweitsprache“ unterrichte, befinde ich mich im permanenten Selbststudium. Gut, Auftrag angenommen.

Substantive klappen ziemlich gut, die Marker können alle im Schlaf herbeten:  „Hat Artikel, erste Buchstabe groß, kann sehe, kann anfasse, kann habe.“ Jeweils mit den passenden Gesten; Auf die Augen zeigen, mit der Hand in die Luft greifen oder auf den Bauch klopfen.

„Ja, richtig. Substantive erkennt man daran, dass man sie sehen, anfassen oder haben kann. Wer weiß Beispiele? Mit Artikel?“

„Das…äh, der Baum. Kann ich sehe un‘ anfasse.“

„Gut. Und wer weiß ein Beispiel mit ‚haben‘?“

„Ich habe Hunger. Nicht sehe und nicht anfasse, aber habe.“ (Mittags um halb eins sehr verständlich!)

Die Marker für Verben (Kann ich machen, kann ich konjugieren/ Geste: Auf sich selbst zeigen und Anpassprobe: schwimmen -> „Ich schwimme.“) und Adjektive (Ich frage: Wie?/ Geste: Ein großes Fragezeichen in die Luft malen) sind noch nicht so gut angekommen.

„Was ist das für eine Wortart?“

„Verb!“

„Richtig. Warum?“

„Hat kleine Buchstaben, hat keine Artikel, kann nicht habe und sehe und anfasse.“

Na gut, das philosophisch-psychologische Konstrukt der Negation beherrschen sie.

Die etwas Fortgeschritteneren sollten dann aus einer Reihe Wörter erste Aussagesätze formulieren. Ich habe vorher an der Tafel Beispiele vorgestellt, die die Reihenfolge Substantiv-Verb-Adjektiv hatten (Der Baum ist groß). Bei diesen Sätzen sind die Verben schnell langweilig, es beschränkt sich auf „sein“. Natürlich schließt sich da gleich die nächste Baustelle an, denn man muss sich am Substantiv orientieren, ob Singular oder Plural richtig ist. Mein Geschwisterpärchen hatte nun genug des „Sein oder nicht seins“ und fing mit anderen Verben an. Die wurden dann direkt mit Lokaladverbien versehen: „Ich schwimme in das Schwimmbad.“

Oha.

Während mein Gehirn gar nicht hinterher kam, zu überlegen, wie ich ihnen denn nun gewinnbringend den Unterschied von Wortarten und Satzgliedern erklären kann, geschweige denn, wie das nochmal mit dem Dativ-Artikel für sie machbar wird, war mein Mund wieder schneller: „Gute Idee, aber der Artikel vor Schwimmbad ist falsch. Da muss ein „dem“ hin, das ist ein Dativ.“

Reaktion? „Ah, Dativ, jaja!“, radiert den falschen Artikel aus, schreibt den richtigen rein und strahlt mich an.

„Woher kennst du denn den Dativ?“

„Ich lerne mit Papa, jede Tag.“ Und dann zeigten sie mir einen ganzen Block voller Tabellen und Übungssätze, penibel aufgeschrieben und farblich makiert. Toll. Sie können erst ungefähr 83 Wörter Deutsch, aber „Dativ“, das sitzt.

 

„Acht Papier???“

Die Sprachlernklasse hat mächtig Zuwachs bekommen. Einige treue Gefährtinnen sind noch aus dem letzten Schuljahr dabei, aber eben auch viele neue Gesichter. Damit ich nicht einfach wild drauflos unterrichte und haarscharf an den Bedürfnissen vorbei, habe ich gestern einen kleinen Einstufungstest schreiben lassen. Das ist jetzt nicht so wie eine schriftliche Abi-Prüfung oder anderer akademischer Schnickschnack, das ist eher Wildwuchs. Auch das werden wir in den nächsten Monaten üben.

Der Test entstammt der Hamburger Initiative Karolinenviertel e.V. (pdf), die auch das Lehrwerk „Hamburger ABC“ entwickelt haben. Ich finde das toll, weil es sich auf ein ganz einfaches Layout beschränkt und immer eine Sache trainiert wird. Gerade für den Anfangsunterricht ist das ’ne schöne Sache.

Gestern also. Wir wissen ja noch aus der Erfahrung mit dem Stundenplan, dass kleine Dinge lange dauern können und darum habe ich einen Donnerstag gewählt. Da bin ich nämlich vier Stunden in meiner Klasse und wir haben alle Zeit der Welt, dieses merkwürdige Ding, diesen Test, zu beschnuppern. Nach dem Morgengebrüll habe ich ihnen erst einmal alle kopierten Seiten aus der Entfernung gezeigt. Es hagelte die erste Entrüstung: „Acht Papier?“ „Ja, der Test besteht aus acht Seiten. Wenn du alle acht Seiten schaffst, ist das gut. Wenn du das nicht schaffst, ist das auch gut.“

Skepsis.

Dann die erste Warmmachrunde, einmal das Alphabet aufsagen, hopphopp. Das  „Q“ [kju] und diese verflixten Umlaute „U“, „Ä“, „Ö“ und „Ü“ [ü], [ü], [ü] und [ü] sind wirklich schwierig. Aber sie kriegen es hin. Gemeinsam schreiben wir das Alphabet in Groß- und Kleinbuchstaben an die Tafel, bevor ich, unmodern wie ich bin, einzelne Schülerinnen und Schüler nach vorne neben die Tafel treten lasse und sie von dort laut das Alphabet in die Klasse hinein aufsagen sollen. Die Stimmung ist gut, der Eifer geweckt. Alle gucken auf die Tafel und hören der Sprecherin zu. Beim ersten Fehler ist Schluss, da sind wir ganz streng. Wir lachen sehr viel, es ist ja alles so kompliziert. Dann aber schafft es mein scheues Reh. Sie kam vor ein paar Monaten gemeinsam mit einem Geschwisterkind, sehr zurückhaltend und schweigsam. Höchstens ein kleines Lächeln mit geschlossenem Mund. Aber jetzt! Fehlerfrei und mit der richtigen Betonung sagt sie das Alphabet auf und denkt auch an Umlaute und das „ß“. Die Klasse johlt und klatscht, sie strahlt über das ganze Gesicht. Was haben wir es gut, dass wir uns haben!

Weiter geht’s, wir sind gerade so gut im Fluss. Ich halte Bildkärtchen hoch und nach Meldung („Erst melde, dann spreche, richtig?“ „Ja, und macht das auch mal wirklich. Und nicht immer: Melden und hundert Mal „Frau Ostfriesin, Frau Ostfriesin, Frau Ostfriesin“ sagen!“ Gelächter, Einverständnis) werden die Substantive genannt. MIT bestimmten Artikel im Nominativ. Da sind wir genau. Das klappt so gut, dass wir im Anschluss einige der Substantive aufschreiben, zunächst Schulinventar. Ich halte Beispielgegenstände hoch und wir suchen die passenden Adjektive dazu. Vom Wort zum Satz. So schaffen wir erste Aussagesätze an die Tafel. Die dann abgeschrieben werden. „Oh naaain, Frau Ostfriesin. So viel!!!“ „Du schaffst das schon! Denk dran, Substantive schreibt man groß. Woran erkennst du ein Substantiv?“ „Kann’isch sehe. Anfasse. Artikel.“ „Richtig!“

Steckbrief-Informationen haben wir im Laufe der Woche schon zusammengetragen, das sitzt. Jetzt geht’s um richtiges Lesen. Anna, Otto und andere Protagonisten machen Dinge. Otto fährt zum Beispiel mit dem Fahrrad. Diesen Satz muss man unter die Frage „Womit fährt Otto?“ schreiben. Ein Klacks. Hab‘ ich mal wieder nicht aufgepasst. Das können sie doch schon lange.

Es folgt ein Ankreuzbogen zu einem kleinen Text über Anton Müller in der Badewanne. Ankreuzen ist ja so eine Kompetenz für sich. In der ersten Zeile steht „Ja“ oder „Nein“ und genau das wird dann auch in die jeweiligen Kästchen reingeschrieben. Nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Den Feinschliff üben wir später.

Bei den nächsten Schritten wird es dann schon etwas kniffeliger. Gefordert werden ganze Sätze auf Fragen, die eine „Ja“- oder „Nein“-Antwort mit Begründung verlangen. Jetzt zeigt sich, wer Durchhaltevermögen und Übung aus den Ferien hat. Weil es bis hierhin aber so gut gelaufen ist, werden jetzt auch kleinere Schwierigkeiten hingenommen.

Und -zack- , wer hätte es gedacht, sind die acht Seiten verarbeitet, der Tag ist rum und es bleibt nur eine Frage: „Wann Test zurück?“